„Celler Scene“

Wissen, was los ist ...

BUCHBESPRECHUNGEN
im Jahr 1996



(Abb.: N. N.)


 Rezensionen von Martin Banger 


„Das Geheimnis des Fahrradhändlers“
von Sempé

Wer Sempé's Geschichten kennt, wird sich freuen, zu hören, dass eine weitere ins Deutsche übersetzt wurde. Wer die witzigen Werke des Franzosen mit dem minimalistischen Zeichenstil bisher verpasst hat, erhält jetzt Gelegenheit, den Meister von seiner besten Seite zu erleben: "Das Geheimnis des Fahradhändlers" ist wohl das originellste Buch Sempés.

Raoul Taburin ist Fahrradhändler in dem idyllischen Städtchen Saint-Céron. Um ihn herum geht alles seinen harmonischen Gang. Doch Raoul Taburin hat ein Geheimnis, das ihn belastet. Endlich schließt er Freundschaft mit dem Fotografen Henri Feigenblatt, dem er sich anzuvertrauen beschließt. Doch was er auch versucht, seine Geständnisse werden überhört. Eine wunderbare Geschichte für Kinder, Erwachsene und – ganz besonders – für Radsportler, aus dem Französischen übersetzt von Patrick Süskind.

Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers.
Diogenes, 90 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, 49,00 DM.


„Der lange Schlaf“
von Fran Dorf

1969, am Tag des „Woodstock“-Festivals stürzt die 18-jährige Lana von einem 70 Meter hohen Felsvorsprung. Die nächsten 20 Jahre verbringt sie in einer katatonischen Trance, einem fast völlig bewusstlosen Zustand. Als sie dann doch wieder erwacht, ist sie für die Ärzte ein medizinisches Wunder. Sie scheint vollständig geheilt – nur über den Tag des Unglücks besitzt sie keinerlei Erinnerungen. Für Lana ist die Zeit stehengeblieben: Mit fast 40 sieht sie aus wie eine 20-Jährige; sie lebt noch in der Welt der Blumenkinder. Mit Schrecken muss sie erfahren, dass ihr Jugendfreund Ethan wegen versuchten Mordes an ihr verurteilt wurde. Zeugen hatten beobachtet, wie er Lana in den Abgrund stieß. Doch Ethan gelang jetzt die Flucht aus dem Gefängnis, und er scheint alles zu versuchen, um Lana näherzukommen. Nach und nach stellt sich heraus, was tatsächlich am Tag des Unglücks passierte - und die Wirklichkeit ist viel verwickelter als irgendjemand vermutet hatte.

Fran Dorf, Psychologin und Autorin des Bestsellers „Die Totdenkerin“, ist auch diesmal wieder eine spannende, vor allem aber vielschichtige und berührende Story gelungen. Besonders die glaubhafte Beschreibung der unterschiedlichsten und zum Teil sehr ungewöhnlichen Charaktere fasziniert.

Fran Dorf: Der lange Schlaf.
Knaur, 14,00 DM.


„Die Gene der Liebe“
von Edgar Dahl

Soziobiologie nennt sich die Wissenschaft, die die biologischen Grundlagen des sozialen Verhaltens untersucht. Edgar Dahl, Philosoph und Ethnologe, diskutiert die neuesten soziobiologisehen Erkenntnisse und Theorien über den Krieg der Geschlechter. Beobachtungen aus dem Tierreich können häufig auf den Menschen übertragen werden und dessen soziales Verhalten erklären. Dahl führt unter anderem Verhaltensweisen verschiedenster Affenarten an, um Parallelen zu einer Fülle wenig bekannter Phänomene der Sexualität zwischen Frau und Mann aufzuzeigen. Er berichtet von Ehekriegen in der Südsee, Heiratsmärkten in Kenia, Geschwisterehen auf Hawaii, Vielmännerei in Tibet, Töchterrnorden in China, Witwenverbrennungen in Indien, Massenvergewaltigungen im Bangladesh. Fazit der Überlegungen Dahls: Der Kampf zwischen den Geschlechtern ist genetisch vorprogrammiert. Diese Schlusfolgerung allerdings ist mehr als fragwürdig, da die geistig-moralische Komponente in Dahl's Betrachtungen völlig außer Acht gelassen und nur der biologischen Seite Rechnung getragen wurde. Nicht ganz zu Unrecht wird die Soziobiologie von feministischer Seite angeklagt, bestehende Verhältnisse zwischen Männem und Frauen zu rechtfertigen. Dazu meint Dahl, die Verhältnisse zu beschreiben und zu erklären wäre nicht gleichzusetzen damit, diese zu rechtfertigen. Da er bei Beschreibungen und Vergleichen bleibt, liefert er allerdings auch keine Impulse für ein neues Verhalten oder Verständnis zwischen den Geschlechtern. Dennoch ist „Die Gene der Liebe“ ein informatives und zum Teil recht spannendes Buch, das die verschiedensten modernen Theorien zum Thema aufzeigt.

Edgar Dahl: Die Gene der Liebe.
Carlsen, 39,90 DM.


„Ich weiß, wer du bist“
von Daina Grazuinas und Jim Starling

Als David Vandemark erfährt, dass seine Frau und seine Tochter umgebracht wurden, lässt der einst liebevolle Familienvater und erfolgreiche Anwalt sein altes Leben hinter sich. Von nun an widmet er sich ganz der tödlichen Jagd auf Serien-Killer. Seine ungewöhnliche Intelligenz und sein Drang nach Rache bescheren ihm weitaus höhere Erfolge als der Polizei. Kein Wunder also, dass längst das „FBI“ auf ihn aufmerksam geworden ist und ihn seinerseits verfolgt.

Die Kurzbeschreibung der Story lässt zunächst auf einen simpel gestrickten Roman nach bekanntem amerikanischem Muster schließen. Doch schon nach den ersten Seiten lässt sich das Buch nicht mehr aus der Hand legen: die Spannung beginnt sofort und wird bis zum Schluss ständig gesteigert. Ein ungewöhnliches Element macht diesen Krimi besonders faszinierend: Nach monatelangem Koma durch einen schweren Unfall entwickelt David Vandemark außergewöhnliche psychische Fähigkeiten. Er lernt, die Gedanken der Menschen zu lesen und aus Gegenständen Informationen zu ziehen über diejenigen, die sie zuvor berührt haben. Das Versprechen „Spannung pur“ auf dem Klappentext ist auf jeden Fall nicht zu hoch gegriffen. Das fand auch Steven Spielberg, der sich, schon lange auf der Suche nach einem geeigneten Serienkiller-Thema, die Filmrechte der Story gesichert hat.

Daina Grazuinas / Jim Starling: Ich weiß, wer du bist.
Bertelsmann, 406 Seiten, Hardcover, 42,80 DM.


„Janis Joplin – Ein kurzes wildes Leben“
von Laura Joplin

Am 25. Oktober 1995 jährte sich der Todestag von Janis Joplin zum 25. Mal. Anlass für den „Heyne Verlag“, eine neue Biographie der Sängerin herauszubringen. Verfasserin ist Laura Joplin, Janis' sechs Jahre jüngere Schwester.

Geboren in einer zutiefst konservativen texanischen Kleinstadt, in der sie sich schon in ihrer Jugend gegen Kleinbürgertum und Rassismus auflehnt, zieht es sie in den 60ern nach San Francisco. Beeindruckt von Jack Kerouac, der Hippie-Bewegung und der gerade entstehenden Drogenkultur wird sie schon bald zu einem der Stars der Underground-Szene. Nach anfangliehen kleineren Erfolgen als Sängerin gelingt ihr der Durchbruch auf dem „Monterey Pop-Festival“. Ihr anschließender kometenhafter Aufstieg macht sie zum Welt-Star. Berühmt wird sie allerdings auch für ihren exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum, der ihre inneren Konflikte nicht mehr überdecken kann. Janis stirbt mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin.

Die Biographie beschränkt sich nicht auf Leben und Geschichte des Stars, sondern bezieht das ganze Umfeld mit ein: Die Familiengeschichte, die amerikanischen Konflikte, die Entstehung des ‚Flower Power‘. Die Person Janis' wird sichtbar als Teil der Zeit: Janis ist tief geprägt durch die revoltierenden 60er und prägt diese ihrerseits. Laura Joplin's tiefgreifendens Verständnis der 50er und 60er macht das Buch zu einem Stück Zeitgeschichte. Mit vielen Fotos und bisher unveröffentlichten privaten Briefen ...

Laura Joplin: Janis Joplin – Ein kurzes wildes Leben.
Heyne, 382 Seiten, 16,80 DM.


„Lassen Sie uns über Geld reden“

Die schönsten Interviews mit Schwerreichen, Prominenten
und schuldlos Verarmten

Über Geld redet man nicht, doch die Ausnahmen bestätigen die Regel. Und wenn man die richtigen Fragen stellt, erfährt man Erstaunliches über den Umgang damit und mehr noch über seine Zeitgenossen, zumal wenn sie berühmt sind. Wer hat ein schlechtes Gewissen, wem ist Geld lästig, wer ist gern großzügig? Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" hat Prominenten und Nobodys, Schwerreichen und schuldlos Verarmten, Erben und Enterbten Fragen über Fragen gestellt und unterhält damit seit über zwei Jahren seine Leser. Weil Geld so viele Aspekte hat, kommen in dieser Auswahl der schönsten Gespräche über das liebe Geld zu Wort: der Hutmacher der Queen, eine russische Lotto-Gewinnerin, ein Makler für Privat-Inseln, „Miss Amerika“, Phil Collins, Michael Schumacher, Yehudi Menuhin, Michail Gorbalschow, Boy George, Kim Basinger, Theodor Waigel und viele mehr. Unterhaltsame Lektüre für zwischendurch ...

Lassen Sie uns über Geld reden.
Luchterhand, 158 Seiten, 25,00 DM.


„Macht uns der Computer krank?“
von Doris Märtin

Gesundheitsrisiken der Bildschirmarbeit
und was man vorbeugend dagegen tun kann

Ob Rückenbeschwerden, Konzentrationsschwäche oder brennende Augen: Fast jeder, der regelmäßig am Bildschirm arbeitet, hat die Nachteile der modernen Technik schon am eigenen Körper erfahren. Doris Märtin's Ratgeber richtet sich an alle, die häufig am Computer sitzen und gesundheitlichen Belastungen vorbeugen beziehungsweise entgegen wirken wollen. Gesundheitliche Risiken enstehen für den Anwender nicht nur durch die vieldiskutierten Bildschirmstrahlen, sondern auch durch eine ganze Reihe anderer Faktoren, wie falsche Beleuchtung unergonomische Sitzmöbel oder Reizüberflutung am Arbeitsplatz. Die Autorin gibt Tips zum Computer-Kauf, informiert über richtige Sitzhaltung und optimale Arbeitstechniken, beschreibt Entspannungsübungen für Rücken, Hände, Augen und Nerven. Das Buch enthält eine Fülle praktischer Tipps, die das Arbeiten am Bildschirm erleichtern, und es geht auch auf Faktoren ein, die sonst nur wenig beachtet werden, wie Lärmvermeidung, giftige Druckertinte und richtiger Umgang mit der Tastatur. Der gute übersichtliche Aufbau erleichert es dem Leser, das Buch ‚querzulesen‘ und die ihm wichtigsten Fakten schnell herauszufiltern.

Doris Märtin: Macht uns der Computer krank?
Heyne, 14,90 DM.


„Techno Style“
von Martin Pesch und Markus Weisbeck

Graphics, Fashion, Culture

Techno – eigentlich schon zehn Jahre alt, und noch immer überschlagen sich die Entwicklungen. Zu nicht mehr überschaubaren Musikstilen hat sich eine Vielzahl sprießender Szenen im Grafik- und Modesektor geseilt. „Techno Style“ stellt eine lebendige und kreative Bewegung vor und wendet sich nicht nur an die Anhänger einer immer noch rasant wachsenden Szene, sondern auch an Grafiker, Designer, Fotografen und Musikfreunde. Das Buch gibt einen Überblick über die historische Entwicklung der Techno- und House-Musik, die grafische Gestaltung von Plattenhüllen und Flyern, über charakteristische Mode-Trends und Party-Kultur sowie über die zur Zeit international besten Clubs, Platten- und Clubwear-Shops, die in einem Adressverzeichnis nach Städten geordnet aufgelistet sind.

Martin Pesch / Markus Weisbeck: Techno Style.
Edition Olms, 132 Seiten Großformat, 49,80 DM.


„Zu viele Köche verderben den Mord“
von Tamara Myers

Das „Penn Dutch Inn“, eine ehemalige kleine Farm in Pennsylvania, aus der Magdalena Yodder ein blühendes Hotel gemacht hat, ist mit der Zeit zum Anziehungspunkt für die Schönen und Reichen geworden. Magdalena kann es sich leisten, sich ihre Gäste so auszusuchen, dass sie zueinander passen. Schließlich ist Unruhe das Letzte, was sich die amisch-mennonitische Bevölkerung in dieser Gegend wünscht. Das „Penn Dutch Inn“ macht seinem guten Ruf alle Ehre. Bis sich eines Tages ein arroganter Kongress-Abgeordneter mit Gefolge zur Jagd-Saison einquartiert: Die anderen Gäste in Magdalena's Hotel sind ausgerechnet fanatische Tierschützer. Magdalena versucht, die Stimmung der Gäste durch ihre berühmte Küche aufzuhellen, doch gerade das stellt sich als Schuss nach hinten heraus. Freni, die unbedarfte Köchin vom Lande, ist sich vollkommen sicher, dass auch Fisch und Hähnchen der vegetarischen Küche zuzuordnen sind (weil man beides ja immer mit Gemüse isst). Die Spannung im Hotel steigt, bis einer der Gäste tot aufgefunden wird.

Ein witziger Krimi um schräge Charaktere, um Ländler und Städter, und um Fleischesser, Lakto-, Ovo- und ganz normale Vegetarier. Tamars Myers stammt selbst aus einer amisch-mennonitischen Familie und nimmt in ihrem Krimi jede überzeugte Lebensweise aufs Korn. Das Rezept der Autorin – eine Prise Spannung und sehr viel Humor wird auch bei den deutschen Lesern auf Gefallen stoßen.

Tamar Myers: Zu viele Köche verderben den Mord.
Knaur, 12,90 DM.

Geändert:  07 / 2020