„Celler Scene“

Wissen, was los ist ...

BUCHBESPRECHUNGEN
im Jahr 2016



(Abb.: N. N.)


 Rezensionen von Martin Banger 


„Atlas der Länder, die es nicht gibt“
von Nick Middleton

Ein Kompendium über 50 nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten

Nick Middleton lehrt Geographie am „St. Anne's College“ der Universität von Cambridge und hat mehrere Bücher zu Themen wie Reisen, Umwelt und Lebensbedingungen in extremen Klimazonen veröffentlicht. In seinem „Atlas der Länder, die es nicht gibt“ widmet er sich den Staaten, die nur für kurze Zeit existierten und wieder in Vergessenheit geraten sind und solchen, die niemals als Staat anerkannt wurden. Und davon gibt es eine ganze Menge, mehr als hier aufgelistet werden konnten, doch bereits diese Auswahl zeigt, dass die Entwicklung hin zu einem international anerkannten Staat sehr verschieden ablaufen kann und eben nicht immer gelingt. So gibt es unzählige Unabhängigkeitsbestrebungen, die bereits die Existenz eines eigenen Landes ausgerufen haben, jedoch nie von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt wurden. Eines der bekannteren Beispiele ist Westsahara, ein Land, das seit 1974 für seine Anerkennung kämpft; es gibt daneben auch kuriose Fälle, in denen Einzelpersonen aus Unzufriedenheit mit der Politik ihrer Regierung einen eigenen Staat ausgerufen haben, wie dies zum Beispiel 1970 der Farmer Leonard Casley tat, um gegen die Entscheidung Australiens vorzugehen, den Weizenanbau zu beschränken. Selbst heute noch gibt es Spannungen zwischen dem von Casley ausgerufenen Staat „Hutt River“ und der australischen Regierung.

Mehrmals wurde Australien durch „Hutt River“ bereits der Krieg erklärt und die Post für diese Enklave wird über Kanada abgewickelt. Vom umstrittenen Status Tibets haben die meisten Menschen hierzulande schon etwas gehört oder gelesen – wer aber kennt „Mayotte“, weiß, wo „Transnistrien“ liegt oder welche Volksgruppe „Azawad“ für sich beansprucht? Middletons Atlas bietet eine Fülle spannender Informationen über Unabhängigkeitsbetrebungen und viel Anekdotisches aus aller Welt. Besonders spannend macht dieses Buch aber die aufwändige Gestaltung: Für jeden vorgestellten ‚Staat‘ gibt es eine einleitende Doppelseite, auf der die Umrisse des betreffenden Gebietes ausgestanzt dargestellt sind. Erst nach dem Umblättern der Seite wird die geograpische Lage offenbar, um die es geht. Wer dieses Buch aufschlägt, wird es so schnell nicht wieder aus der Hand geben.

Nick Middleton: Atlas der Länder, die es nicht gibt.
Lübbe, 240 Seiten, 32,00 €.


„Cash Club“
von Ben Berkeley

Vier kalifornische Jugendliche malen sich aus, wie es wäre, an das ganz große Geld zu gelangen. Alex, Josh, Stan und Brian kennen sich seit der High School und treffen sich regelmäßig, um an ihrem Plan zu arbeiten. Während ihre Altersgenossen ihre Zukunft im Silicon Valley sehen, haben die vier sich dafür entschieden, die besten Geldfälscher der Welt zu werden, um ihren 30. Geburtstag als Multimillionäre feiern zu können. Was als Teenie-Fantasie beginnt, wird nie ganz aufgegeben und über die Jahre weiterverfolgt. Der Probelauf mit gefälschten Tickets ist bereits ein großer Erfolg, doch um in die oberste Liga aufzusteigen bedarf es handfester Kenntnisse. Also beschließen die vier Mitglieder des „Cash Club“, Berufe zu ergreifen, die ihnen beim Erreichen des großen Ziels nützlich sein können: Josh geht nach Deutschland, um dort eine Ausbildung zum Drucker zu absolvieren, Brain studiert Informatik in Stanford, Stan geht zur Polizei und Alex wird Croupier in Atlantic City, um Kontakte zu Geldwäschern zu knüpfen. Schließlich gelingt dem Team, wovon es seit vielen Jahren träumt: Dollar-Blüten herzustellen, die selbst der Fachmann kaum von echten unterscheiden kann. Doch der „Cash Club“ bringt so große Mengen dieser Blüten in Umlauf, dass die Sache bald auffällt und ihnen „FBI“ und „CIA“ auf den Fersen sind. Die Story beruht auf einer wahren Begebenheit, die Ben Berkeley spannend umgesetzt hat.

Ben Berkeley: Cash Club.
Droemer, 576 Seiten, 14,99 €.


„Das Feuer der Freiheit“
von Lyndsay Faye

Nach „Der Teufel von New York“ und „Die Entführung der Delia Wright“ beendet „Das Feuer der Freiheit“ diese Trilogie. 1848 wird New York beherrscht von Unruhen und Umbrüchen. Die Arbeiter kämpfen für ihre Rechte und auch die Frauenrechtsbewegung gewinnt immer mehr Zulauf. Immer wieder kommt es zu großen Bränden in der Stadt, und man ist überzeugt, dass ein Feuerteufel oder sogar eine Teufelin umgeht. Als eine Fabrik des Stadtrats und Unternehmers Robert Symmes in Flammen aufgeht, geraten zunächst die Arbeiterinnen unter Verdacht, dann die Frauenrechtlerin Sally Woods, seine ehemalige Geliebte, die Symmes als Ausbeuter anprangert und ihm droht, seine Fabriken in Brand zu setzen. Der Stadtrat wendet sich ausgerechnet an den Polizisten Timothy Wilde, der seine Eltern bei einem Brand verloren hat und dessen Gesicht immer noch von den damaligen Verletzungen gezeichnet ist. Wilde's Bruder Valentin ist ebenfalls in der Politik aktiv und konkurriert gegen Symmes um das Amt des Stadtrates. Von ihm erfährt er Hintergründe über die Korruption in New York und den Machtmissbrauch von Politikern und Geschäftsleuten. Der Kreis der infrage kommenden Täter wird immer unübersichtlicher und Wilde gerät wieder einmal zwischen alle Fronten.

Lyndsay Faye: Das Feuer der Freiheit.
DTV, 528 Seiten, 15,99 €.


„Das große Buch vom Fermentieren“
von Mary Karlin

Grundlagen, Anleitungen und 100 Rezepte

Immer mehr Menschen interessieren sich dafür, einen Teil ihrer Nahrungsmittel selbst herzustellen oder zu verarbeiten. Zu Themen wie Backen, Kochen oder Gemüseanbau gibt es unzählige Werke und Anleitungen. Die Fermentation – die Umwandlung natürlicher Produkte durch Mikroorganismen – wird in vielen Grundlagenwerken mitaufgeführt, allerdings meist nur am Rande und nirgendwo in der Fülle und Ausführlichkeit, wie Mary Karlin es hier übernommen hat. In den über 70 aufgeführten Rezepten befinden sich einige sehr einfach gehaltene, um den Einstieg in das Thema zu erleichtern. Den eigenen Essig oder Senf herzustellen, dürfte auch der ungeübten Küchenfee auf Anhieb gelingen. Danach aber geht es im wahrsten Sinne des Wortes ans Eingemachte: Mayonnaise, Meerettichpaste, koreanischer Kimchi und selbst das hierzulande so berühmte Sauerkraut lassen sich nicht nach Bauchgefühl herstellen – die hier beschrieben und bebilderten genauen Anleitungen sind die Mindestvoraussetzung für gutes Gelingen. Wer sich an das japanische Nuka-Verfahren zum Fermentieren von Gemüse heranwagen will, sollte allerdings schon eine gewisse Experimentierfreude mitbringen. Auch zum Thema Käseherstellung gibt es eine Reihe einfacher Rezepte, die die Grundlagen vermitteln, und solche, wie der Ziegenkäse im Aschemantel, die erst in Angriff genommen werden sollten, wenn erstere erfolgreich durchgeführt wurden. Fermentierte Produkte sind nicht nur länger haltbar als die unfermentierten Ausgangsstoffe, sondern auch leichter verdaulich, gesundheitsfördernd und geschmacklich außerordentlich bereichernd. Die biologisch unterschiedlichen Fermentationsarten werden beschrieben, das nötige Zubehör aufgeführt und Bezugsquellen für einige der Hilfsstoffe genannt, die im Handel nicht so leicht zu finden sind. Ein gelungener Text- und Bildband, der Anfänger und Profis gleichermaßen anspricht.

Mary Karlin: Das große Buch vom Fermentieren.
AT Verlag, 256 Seiten, 26,95 €.


„Das Labyrinth der Spiegel“
von Andrea Camilleri

Commissario Montalbano wagt sich in gefährliche Gefilde

Inzwischen hat der jetzt 90-jährige Autor 23 Bände um seinen Commissario Montalbano veröffentlicht; dies ist allerdings erst der 18., der in deutscher Übersetzung erscheint. Diesmal hat der auf Sizilien ermittelnde Commissario es mit einer Reihe verwirrender Ereignisse zu tun, die ihn jede für sich vor ein Rätsel stellen und immer wieder zu falschen Schlüssen verleiten. Eine Bombenexplosion bildet den Auftakt zu dieser Serie rätselhafter Vorkommnisse: Wieso wird ein Sprengsatz vor einer leerstehenden Lagerhalle gezündet? Niemand wurde verletzt und es entstand nur geringer Sachschaden. Montalbano geht zunächst von einer Warnung durch einen Schutzgeld-Eintreiber aus, doch der Besitzer der Halle versichert ihm glaubhaft, dass dies nicht der Fall sei. Auch auf eine Kugel, die in seiner Beifahrertür entdeckt wird, kann Montalbano sich keinen Reim machen – ihm kann das Geschoss ja kaum gegolten haben. Noch mehr verwirrt ihn aber seine Bekanntschaft mit der neuen Nachbarin Liliana Lombardo. Jeden Morgen nimmt er die attraktive Frau mit in die Stadt, da ihr Wagen von Unbekannten beschädigt wurde. Ständig kreuzen sich ihre Wege, und schon bald beginnt Liliana, dem Commissario schöne Augen zu machen. Doch langsam begreift Montalbano, dass jemand bemüht ist, falsche Fährten zu legen und dass möglicherweise auch die schöne Nachbarin in dieses Vorhaben verwickelt sein könnte. Er erzählt seinem Mitarbeiter Fazio von der berühmten Szene aus dem Film „Die Lady von Shang­hai“, als die beiden Hauptdarsteller durch das Spiegelkabinett irren und niemand wirklich wissen kann, wo der andere sich gerade befindet ...

Andrea Camilleri: Das Labyrinth der Spiegel.
Bastei-Lübbe, 256 Seiten, 22,00 €.


„Das Spiel des Poeten“
von Andrea Camilleri

Commissario Montalbano liest zwischen den Zeilen

Commissario Montalbano langweilt sich, weil es in Vigata nichts für ihn zu tun gibt. Doch kaum beschließt er, die ereignislose Zeit zu nutzen, um seine Freundin Livia zu besuchen, kommt natürlich was dazwischen. Ein greises Geschwisterpaar sorgt für Aufregung, es schießt auf alles, was sich ihrem Haus nähert. Religiöser Wahn soll eine Rolle spielen; die beiden Alten werden nach einem spektakulären Einsatz des Commissarios in die Psychiatrie eingewiesen. In ihrem Haus findet man unter anderem eine auffällig verunstaltete Gummipuppe. Zunächst nimmt Montalbano diese nur als Kuriosität am Rande wahr, doch als eine zweite, ähnlich zugerichtete Puppe in Vigata gefunden wird, ist sein Interesse geweckt. Während er noch über einen möglichen Zusammenhang grübelt, erreichen ihn nach und nach mehrere anonyme Botschaften. Jemand scheint ihn in wenig geglückten Reimen auf eine Spur führen zu wollen. Montalbano geht den Hinweisen nach, mehr aus Langerweile denn aus dienstlichem Interesse, doch schon bald wird ihm klar, dass es um ein handfestes Verbrechen geht. Es scheint um ein junges Mädchen zu gehen, das vor Jahren spurlos verschwunden ist. Der 16. Band um Commissario Montalbano schlägt erfrischend aus der Reihe. Wem die Atmosphäre inzwischen ein bisschen zu beschaulich vorgekommen ist, der wird mit einem ungewohnt actionreichen Ende überrascht. Und dann die Gummipuppe – sie zieht sich wie ein Running-Gag durch die Geschichte. Mal ist sie mit Montalbano zusammen in den Nachrichten zu sehen, mal befindet sie sich unter seinem Bett ...

Andrea Camilleri: Das Spiel des Poeten.
Lübbe, 272 Seiten, 19,99 €.


„Der Mittagstisch“
von Ingrid Noll

Nelly ist Mitte 30 und alleinerziehende Mutter von Simon und Caroline. Seit ihr amerikanischer Freund, der Vater ihrer Kinder, sie verlassen hat, muss sie sich allein über Wasser halten. Eine Arbeit hat sie nicht, das Studium wurde vor langer Zeit abgebrochen. Eines der wenigen Dinge, die Nelly wirklich gut kann, ist kochen. Bei den regelmäßigen Mittagessen mit einer alte Freundin kommt ihr die Geschäftsidee: warum nicht halbprofessionell einen Mittagstisch für Freunde und Bekannte organisieren? Den idealen Platz dafür hat sie ja bereits durch ihr Erbe von den Großeltern, und kaum beginnt sie, ihre Idee umzusetzen, spricht sich die Sache auch so schnell herum, dass Nelly ihren Lebensunterhalt schon bald davon bestreiten kann. Das Finanzamt muss ja noch nicht informiert werden, schleßlich handelt es sich ja um eine Art Nachbarschaftshilfe. Täglich trifft sich nun mittags ein kleiner, interessanter Kreis zum Essen bei Nelly, eine Gruppe, die zunächst überwiegend aus Männern besteht: ein älterer Kapitän ist darunter, ein Sportlehrer, ein Versicherungsangestellter und der hilfsbereite und attraktive Elektriker Markus, der es Nelly besonders angetan hat. Eines Tages jedoch bringt Markus seine Freundin Grete mit, von deren Existenz Nelly bis dahin nichts geahnt hatte. Nelly ist schwer enttäuscht, bis sie erfährt, dass Grete eine Erdnuss-Allergie hat. Kaum hat Nelly das Problem auf ihre Weise gelöst, bahnt sich neuer Ärger an: jemand droht ihr mit einer Meldung beim Finanzamt und ihr Ex kündigt sich an, um den gemeinsamen Sohn mit nach Amerika zu nehmen. Doch Nelly erhält tatkräftige Unterstützung aus dem Kreis ihrer Mittagsgäste ...

Ingrid Noll: Der Mittagstisch.
Diogenes, 224 Seiten, 22,00 €.


„Der Trick“
von Emanuel Bergmann

Die Geschichte um den Zauberer Zabbatini wird uns aus zwei zeitlichen Perspektiven erzählt, die sich immer wieder abwechseln. Einmal erleben wir den ungewöhnlichen Aufstieg des in Prag geborenen Mosche Goldenhirsch zu einem der berümtesten Zauberkünstler seiner Zeit, zum anderen erfahren wir, wie dieser als mürrischer alter Mann noch einmal von einem kleinen Jungen um einen ganz besonderen Zaubertrick gebeten wird. Etwas Magisches begleitete schon die Zeugung des Mosche Goldenhirsch – zu Beginn des ersten Weltkrieges befand sich sein Vater an der Front, als die Mutter schwanger wurde. Nach seiner Rückkehr versuchte sie, den verwunderten Ehemann von einer unbefleckten Empfängnis zu überzeugen. Mosche ist gerade 15, als er sich im Jahr 1934 einem Zauberzirkus anschließt, der auf dem Weg nach Deutschland ist. Obwohl dem Zirkus schon bald ein dramatisches Ende bevorsteht, macht Mosche Karriere als „Der Große Zabbatini“, zunächst in Berlin, später auf den Varieté-Bühnen in der ganzen Welt. In Berlin ist die Verfolgung der Juden an der Tagesordnung, als Star ist Mosche davon zunächst kaum betroffen. Doch am Schluss wird auch er verhaftet und gefoltert – seine Peiniger bitten ihn vor dem Transport ins KZ noch um ein Autogramm. Im Jahr 2007 lebt Mosche Goldenhirsch in einem Altenheim in Los Angeles. Der alte Mann hat den Glauben an das Leben schon lange verloren, als er Besuch bekommt von Max, einem zehnjährigen Jungen, der sich einen besonderen Zauber von ihm erhofft – einen Liebeszauber für seine Eltern, die kurz vor der Scheidung stehen. Der Kinder hassende Alte will zunächst nichts mit dem Jungen zu tun haben, wird aber immer mehr in die Geschichte hineingezogen. Am Ende entwickelt er seinen letzten großen, sehr erstaunlichen Trick.

Emanuel Bergmann: Der Trick.
Diogenes, 400 Seiten, 22,00 €.


„Der Untergrundmann“
von Ross Macdonald

Ross Macdonald lebte von 1915 bis 1983 und gehört zu den bekanntesten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Romane wurden verfilmt, derzeit erleben sie Neuauflagen in Großbritannien, Amerika und nun auch bei uns. Der Untergrundmann ist ein Krimiklassiker von 1971 in neuer Übersetzung, mit einem Nachwort von Donna Leon.

Es ist ein sehr heißer Sommer in Kalifornien, Waldbrände bedrohen Teile des Landes. Detektiv Lew Archer hat einen freien Tag und begnet beim morgendlichen Vogelfüttern dem kleinen Ronny Broadhurst, der zusammen mit seiner Mutter seit einer Weile in der Nachbarschaft wohnt. Kurz darauf bekommt Archer mit, wie die Eltern des Jungen sich heftig streiten. Am Nachmittag meldet sich die Mutter bei ihm, da sie fürchtet, dass ihrem Sohn etwas zugestoßen sein könnte. Ronny war mit seinem Vater Stanley auf dem Weg zur Großmutter, doch jetzt fehlt von den beiden jede Spur. Die junge Mutter bittet den Detektiv, nach den beiden zu suchen; sie macht sich insbesondere Sorgen, da in der Gegend ein großer Waldbrand tobt. Archer findet heraus, dass Vater und Sohn zwar auf der Ranch der Großmutter angekommen sind, diese aber kurz darauf in Begleitung einer geheimnissvollen jungen Frau verlassen haben. Die Angelegenheit erscheint Archer zunächst als reiner Familienkonflikt, was sich ändert, als er die Leiche des Vaters findet. Von Ronny und der jungen Frau fehlt jede Spur. Als Archer Nachforschungen zu den beiden anstellt, stößt er auf ein lange zurückliegendes Verbrechen und ein dunkles Familiengeheimnis. Spannung pur, ohne auf die krassen Bilder und Themen zuzugreifen, wie sie heute in Thrillern üblich sind.

Ross Macdonald: Der Untergrundmann.
Diogenes, 368 Seiten, 16,00 €.


„Die Logik der Tat“
von Alexander Horn

Ein Profiler auf der Spur von Mördern und Serientätern

Alexander Horn war Polizeikommissar im Dezernat für Sexual- und Gewaltdelikte beim Polizeipräsidium München und gehörte zum Gründungsteam des Pilotprojektes „Täter-Profiling“ der Münchner Mordkommission. Derzeit leitet er die Dienststelle für Operative Fallanalyse, die Täterprofile erstellt, wenn die Polizei mit anderen Methoden nicht weiterkommt. Wenn bei Menschen, die spurlos verschwunden sind, ein Verbrechen vermutet wird, bei Entführungen kein Verdächtiger existiert oder Serienmorde lange Zeit nicht aufgeklärt werden können, werden Alexander Horn und sein Team um Mithilfe gebeten. Hier schildert Horn anhand einer Reihe von Aufsehen erregenden Kriminalfällen, wie die Fallanalyse angewandt wird, um herauszufinden, was Mörder motiviert und wie sie überführt werden können. Eines der aufgeführten Beispiele betrift den sogenanten Maskenmann, der erst 18 Jahre nach seinem ersten Mord gefasst werden konnte.

In der Fallanalyse geht es weniger um die Tat selbst als mehr um das, was im Kopf eines Mörders vor sich geht. Filme über Serienmörder haben uns ein völlig falsches Bild darüber vermittelt, wie Profiler arbeiten und auch darüber, wie Mörder vorgehen und denken. In der Praxis handelt es sich um einen nüchternen Beruf, der sich mit der Psyche von Verbrechern befasst, die die meiste Zeit ein ganz normales Leben führen.
Auch auf einen anderen Aspekt der Irreführung durch die Medien weist Horn hin: Im Gegensatz zu dem, was die Berichterstattung über grausame Verbrechen suggeriert, sind diese unter anderen in Deutschland, England und den USA stark rückläufig.

Alexander Horn: Die Logik der Tat.
Knaur, 256 Seiten, 9,99 €.


„Die Schneelöwin“
von Camilla Läckberg

Dies ist der inzwischen neunte Band um Kommissar Patrik Hedström, der auch in seinem neuesten Fall wieder viel Unterstützung durch seine Frau, die Schriftstellerin Erica Falck, erhält. Seit Monaten wird nach der 15-jährigen Victoria gesucht, doch als das Mädchen wieder auftaucht, wird es von einem Auto angefahren und stirbt im Krankenhaus. Dort werden neben den Verletzungen durch den Unfall schwerste Verstümmelungen festgestellt – Victoria ist ganz offensichtlich grausam gefoltert worden. Erica Falck arbeitet ohnehin an einem neuen Buch zum Thema Gewalt in Familien und hatte für ihre Recherchen bereits mehrmals eine Frau im Gefängnis interviewt, die wegen Mordes an ihrem Mann verurteilt wurde. Laila tötete vor vielen Jahren ihren Ehemann, nachdem dieser die gemeinsame Tochter mehrfach im Keller angekettet hatte. Kommissar Hedström bittet seine Frau, ihre Interviews weiterzuführen, da er sich davon verspricht, mehr über die Psyche von Menschen zu erfahren, die Gewalt gegen Kinder ausüben. Es besteht schließlich die Möglichkeit, dass ein Serienmörder am Werk ist, da in Schweden eine ganze Reihe von Mädchen vermisst wird. Doch mit ihren Interviews gerät Erica Falck einer ganz anderen Sache auf die Spur ...

Camilla Läckberg: Die Schneelöwin.
List, 448 Seiten, 19,99 €.


„Die Verschwundenen von Jakobsberg“
von Tove Alsterdal

In dem kleinen Ort Jakobsberg, in der Nähe von Stockholm, stürzt eine junge Frau vom Balkon in den Tod. Kurz darauf umringen Passanten ihre auf dem Asphalt liegende Leiche. Ein Nachbar erkennt, dass es sich um Camilla handelt, die ohne festen Partner lebte. Am Abend zuvor hatte sich Camilla in einer Kneipe zu einem ‚Blind Date‘ verabredet, ging am Schluss aber mit einem anderen Mann nach Hause. Auf dem Heimweg kam es zu einem kurzen Wortgefecht mit einem Obdachlosen, der dem Paar eine Weile folgte und es beobachtete. Camilla's Schwester Helene muss den Nachlass regeln und beginnt, die Wohnung auszuräumen. Dabei stellt sie fest, dass Camilla erst vor kurzem in Südamerika war, ohne ihr davon zu erzählen. Offenbar suchte ihre Schwester immer noch nach der Mutter, die 1978 nach Argentinien gegangen war und dort spurlos verschwand. Ing-Marie, die Mutter von Camilla und Helene, war 27 Jahre alt, als sie sich in einen jungen Argentinier verliebte und ihm in dessen Heimat folgte, um dort gegen die Pinochet-Diktatur zu kämpfen. Das Schicksal mehrerer tausend Menschen, die damals verschwanden, ist bis heute ungeklärt, so auch das von Ing-Marie. Nun beginnt auch auch Helene, Nachforschungen anzustellen. Könnte es sein, dass der Tod ihrer Schwester in Verbindung steht mit dem Verschwinden der Mutter? Helene entdeckt, dass Camilla eine konkrete Spur verfolgte, die sie in große Gefahr gebracht haben musste. Sie entschließt sich, dieser Spur ebenfalls zu folgen.

Tove Alsterdal: Die Verschwundenen von Jakobsberg.
Lübbe, 592 Seiten, 15,00 €.


„Dreimal tote Tante“
von Krischan Koch

In „Dreimal tote Tante“ hat Dorfpolizist Thies Detlefsen nun seinen vierten schweren Fall zu knacken. Das idyllische nordfriesische Dorf Fredenbüll liegt nahe der dänischen Grenze, und hier ist nun wirklich selten was los. Doch jetzt wird das verschlafene Örtchen von einer spektakulären Verbrechensserie heimgesucht: Auf ihrem Nachhauseweg vom Landfrauentreffen wird Pensionswirtin Renate auf dem Deich überfallen und wacht angekettet in einem dunklen Kellerverlies wieder auf. Ihre Gäste sind die ersten, die Renate vermissen, immerhin steht das Frühstück nicht wie gewohnt auf dem Tisch. Kaum macht man sich auf die Suche nach ihr, entdeckt ein kleiner Junge die Leiche einer Frau, die im Jauchebecken des Schweinezüchters Schlotfeldt treibt. Renate ist es nicht, auch die zweite Tote, die man aus der Güllegrube birgt, kann ihr nicht zugeordnet werden. Für Wachtmeister Detlefsen ist der Fall klar: ein Serienmörder treibt sein Umwesen in Fredenbüll. Er kann das beurteilen, schließlich hat er eben erst ein Profiling-Seminar besucht. Doch nicht nur der Fall selbst bereitet Thies Detlefsen Kopfzerbrechen – er bekommt es auch mit seiner eifersüchtigen Ehefrau zu tun, da ihm die Kieler Kommissarin Nicole Stangenbeck zur Seite gestellt wird. Im Dorf nimmt die Gerüchteküche klein Ende. Mal wird der Landfrauenverein als heißer Tip für das Verschwinden von Renate gehandelt, mal Bauer Schlotfeldt, der bekannt dafür ist, seine Frau früher geschlagen zu haben. Die neuesten Informationen zum Fall werden durchgehend in der „Hidden Kist“, der örtlichen Imbissbude diskutiert. Am liebsten bei einer „Toten Tante“, einem Kakao mit Rum und Sahnehäubchen.

Krischan Koch: Dreimal tote Tante.
DTV, 288 Seiten, 9,95 €.


„Eisenberg“
von Andreas Föhr

Nach seiner erfolgreiche Reihe um das Ermittler-Duo Wallner und Kreuthner beginnt Andreas Föhr nun eine neue Krimiserie, in der die Rechtsanwältin Rachel Eisenberg die zentrale Rolle spielt. Dr. Eisenberg leitet zusammen mit ihrem ehemaligen Mann eine erfolgreiche Kanzlei für Strafverfahren in München. Das Anwaltspaar ist frisch geschieden, die 13-jährige Tochter lebt bei der Mutter, was der den Alltag nicht gerade erleichtert, und nun hat Rachel auch noch einen Fall übernommen, der sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eine junge obdachlose Frau wendet sich an die Rechtsanwältin, weil ihr Freund, der ebenfalls auf der Straße lebt, beschuldigt wird, die Studentin Johanna Mend auf grausame Weise umgebracht zu haben. Als Rachel das Mandat für den Obdachlosen übernimmt, geht sie zunächst von einem Routinerverfahren aus. Doch als sie ihrem neuen Mandanten zum ersten Mal begegnet, muss sie betroffen feststellen, dass sie diesen aus ihrer Studentenzeit kennt, und zwar mehr als nur flüchtig: Es handelt sich um einen früheren Geliebten von ihr, den Physik-Professor Heiko Gerlach. Rachel ist von Gerlach's Unschuld so gut wie überzeugt und beginnt mit eigenen Nachforschungen, die die Sache schon bald in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen.

Andreas Föhr: Eisenberg.
Knaur, 512 Seiten, 14,99 €.


„Fuchskind“
von Annette Wieners

Nach „Kaninchenherz“ ist dies der zweite Band um die ehemalige Polizistin Gesine Cordes, die nun als Friedhofsgärtnerin arbeitet. Der Grund für ihren ungewöhnlichen beruflichen Wechsel war die Krise, die sie nach dem Tod ihres kleinen Sohnes durchmachte. Genau zehn Jahre ist es her, dass der durch eine Giftpflanze ums Leben kam. Jetzt, an einem grauen Morgen im Herbst, hat Gesine gerade damit begonnen, auf dem Friedhof, auf dem sie arbeitet, Laub zu harken, als sie die Schreie eines Babys hört. Außer ihr befindet sich anscheinend niemand auf dem Platz, und während sie herauszufinden versucht, woher die Schreie kommen, spulen sich in ihr die Ereignisse von vor zehn Jahren ab. Unter einem Busch findet sie eine Schale mit einem Säugling, der bereits blau angelaufen ist. So schnell sie kann fährt sie mit ihm ins Krankenhaus. Während sie auf die Ergebnisse der Untersuchung wartet, trifft die Polizistin Marina Olbert ein, um Gesine als Zeugin zu befragen. Doch es geht nicht um das Findelkind – Olbert ist von der Mordkommission und recherchiert im Fall einer Frauenleiche, die in der Nähe des Friedhofs gefunden wurde. Handelt es sich möglicherweise um die Mutter des Babys? Gesine beschließt, eigene Ermittlungen anzustellen. Als sie bald darauf bemerkt, dass sie beschattet wird, ist ihr klar, das sie sich längst in Gefahr begeben hat.

Annette Wieners: Fuchskind.
List, 352 Seiten, 9,99 €.


„I am Death – Der Totmacher“
von Chris Carter

Dies ist der siebte Fall für die Detectives Dr. Robert Hunter und Carlos Garcia vom Gewaltdezernat Los Angeles. Wie in den vorausgehenden Bänden geht es auch hier wieder sehr hart und direkt zu. Kaum haben die beiden Ermittler ihren letzten Fall zu den Akten gelegt, wird Hunter damit konfrontiert, dass sein Partner die Arbeit aufgeben und aus der Stadt wegziehen will. Als die beiden kurz darauf von ihrer Chefin zu einem neuen Einsatz gerufen werden, lösen sich diese Pläne allerdings umgehend in Luft auf. In der Nähe des Flughafens wurde die Leiche einer jungen Frau brutal zugerichtet aufgefunden – was für die Polizei in Los Angeles zum Tagesgeschäft gehört, kommt den beiden Detectives jedoch von Anfang an außergewöhnlich vor. Die Leiche ist auf merkwürdige Weise zu einer sternförmigen Figur arrangiert worden, in ihrem Hals findet sich ein Zettel mit einer Nachricht, geschriebenen mit Blut: „Ich bin der Tod“. Die Identität der Frau wird schnell geklärt, doch es findet sich keinerlei Hinweis, der die Hintergründe der Tat erhellen könnte. Hunter und Garcia gehen von einem Serienmörder aus, und tatsächlich taucht schon am nächsten Tag eine weitere Frauenleiche mit der gleichen unheimlichen Botschaft auf: „Ich bin der Tod“. Der Täter scheint den Kontakt zu den Ermittlern regelrecht zu suchen, doch die tappen lange Zeit völlig im Dunkeln.

Chris Carter: I am Death – Der Totmacher.
Ullstein, 384 Seiten, 9,99 €.


„Irisches Verhängnis“
von Hannah O'Brien

Nachdem die Polizistin Grace O'Malley fünf Jahre in Dänemark, dem Heimatland ihrer Mutter gelebt hat, kehrt sie zurück nach Galway in Irland. Aufgrund ihrer Beziehungen – ihr Onkel Jim ist ein einflussreicher Politiker – erhält sie den Posten der Leitung des Morddezernats. Von Anfang an ist der Neubeginn in ihrem Leben von Spannungen und Turbulenzen begleitet. Ein Mitarbeiter steht ihr feindselig gegenüber, und kaum ist sie im Amt, hat sie auch schon mit einem undurchsichtigen Mordfall zu tun. Die Leiche einer Studentin ist in einer Geisterbahn aufgefunden worden. Die junge Annie hatte Meeresbiologie studiert und wollte promovieren. Um ihr Studium zu finanzieren und auch noch ihre behinderte Schwester unterstützen zu können, hat Annie Putzjobs in mehreren wohlhabenden Familien angenommen. Bei den Befragungen in diesen Familien stoßen die Ermittler kaum auf neue Informationen sondern fast schon auf eine Mauer des Schweigens. Als Grace und ihr Team damit beginnen, auch Annie's Freunde und Verwandte zu befragen, werden zwei der ehemaligen Arbeitgeber ebenfalls ermordet. Und dann taucht ein ungewöhnlich hoher Geldbetrag auf Annies Konto auf, der sich allein aus ihren Putztätigkeiten nicht erklären lässt. Da Grace und ihre Mitarbeiter mit dem Fall nicht weiterkommen, sehen sie sich gezwungen, zu Maßnahmen zu greifen, die nicht immer ganz den Vorschriften entsprechen. Als auch noch ihre Tochter Roisin spurlos verschwindet, gerät Grace in einen Entscheidungskonflikt – soll sie sich vorrangig um die Mordserie kümmern oder erst mal ihrer Tochter nachforschen.

Hannah O'Brien: Irisches Verhängnis.
DTV, 416 Seiten, 9,95 €.


„Kindeswohl“
von Ian McEwan

Richterin Fiona Maye ist spezialisiert auf Scheidungen, Sorgerecht und auf Fälle, in denen es um den Schutz des Kindeswohls geht. Sie selbst ist seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet; die Ehe ist allerdings kinderlos geblieben. Dafür geht Fiona in ihrer Arbeit auf, sie gilt als kompetent und routiniert. Doch das geordnete Leben der angesehene Familienrichterin am Londoner High Court gerät aus den Fugen, als ihr Mann Jack ihr offenbart, dass er eine Geliebte hat. Dies passiert ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da sich die schwierigen Fälle in ihrem Gerichtssaal die Klinke in die Hand geben. Während Fionas Glaube an ihr Lebenskonzept ins Wanken gerät, wird sie beruflich mit Konflikten konfrontiert, deren Ursprung im Festhalten an traditionellen religiösen Werten liegt. Ein orthodoxer Jude akzeptiert es nicht, dass seine Frau und seine Töchter aus der Rolle ausbrechen wollen, die sie aufgrund ihres Glaubens zu erfüllen haben; ein muslimischer Vater hatte seine Tochter nach Marokko entführt, um sie nach islamischer Tradition erziehen zu können, ein katholisches Paar will ihr siamesisches Zwillingspaar eher sterben lassen, als sich für das Leben eines der beiden zu entscheiden. Und dann sind da noch die Zeugen Jehovas, die ihrem Sohn die Bluttransfusion verbieten, die sein Leben retten könnte. In letzteren Fall stürzt sich Fiona mit viel persönlichem Engagement. Während ihr Mann quasi um die Erlaubnis für seine Affäre bittet und das Paar sich vorerst räumlich trennt, muss Fiona sich zusammenreißen, um in ihrem Beruf weiter bestehen zu können. Als sie nichts gegen den Zusammenbruch ihrer Ehe tun kann, versucht sie, wenigstens das Leben des 17-jährigen Adam zu retten. Je mehr sich Fiona und Jack voneinander entfernen, desto mehr nähern sie und Adam sich an. Adam, der zunächst noch die Werte und Entscheidungen seiner Eltern teilt, beginnt, diese infrage zu stellen. Zwischen ihm und Fiona scheint sich eine persönliche Beziehung anzubahnen ...

Wieder einmal ist es Ian McEwan gelungen, in einer relativ kurzen Story außerordentlich komplexe Verhältnisse zu zeichnen.

Ian McEwan: Kindeswohl.
Diogenes, 224 Seiten, 12,00 €.


„Küstenstrich“
von Benjamin Cors

Dies ist der zweite Band um den Bodyguard Nicolas Guerlain. Bereits in „Strandgut“ musste sich der inzwischen in Paris lebende Personenschützer in seine Heimat, dem idyllischen Badeort Deauville in der Normandie, begeben. Diesmal wird er gebeten, einen Adeligen zu beschützen, der mehrere annomyme Drohungen erhalten hat. Nach den Ereignissen, die sich bei seinem letzten Auftrag abspielten, hatte sich Nicolas aus seinem Job zurückgezogen, doch als sein alter Auftraggeber ihm mitteilt, dass er wieder in Deauville benötigt wird, willigt er ein. Schließlich ist er immer noch auf der Suche nach seiner alten Liebe Julie, die ihn vor drei Jahren verlassen hat. Der einflussreiche Graf von Tancarville benötigt Nicolas Dienste, da er die Botschaften, ihm mehrfach auf Zetteln übermittelt wurden, erst nimmt: „Du wirst sehr bald sterben“. Während auf seinem Anwesen ein Treffen mit wichtigen Politikern des Landes stattfindet, soll Nicolas für seine Sicherheit sorgen. Noch bevor der Bodyguard bei seinem neuen Kunden eintrifft, stößt er auf einen Toten, die von einer Brücke hängt. Kurz darauf wird bei einer zweiten Leiche eine Postkarte mit Nicolas' Telefonnummer gefunden. Die zunächst verwirrenden Erzählfäden verweben sich nach und nach zu einem einzigen, höchst spannenden Fall ...

Benjamin Cors: Küstenstrich.
DTV, 384 Seiten, 15,90 €.


„Lebensgeister“
von Banana Yoshimoto

Die 30-jährige Kunstkuratorin Sayoko ist mit ihrem Freund Yoichi auf dem Rückweg von einem Ausflug unterwegs, als ein Unfall passiert. Ein von der Gegenfahrbahn abkommendes Fahrzeug prallt frontal mit ihrem Wagen zusammen. Yoichi, ein bereits bekannter Künstler, stirbt unmittelbar an der Unfallstelle, Sayoko wird schwer verletzt und kämpft mit dem Leben. Während ihres Komas hat sie ein Nahtoderlebnis und begegnet dort ihrem schon lange verstorbenen Großvater. Als Sayoko wieder zu sich kommt, hat sie nicht nur mit dem Schock und ihren Verletzungen zu kämpfen, sondern auch mit heftigen Schuldgefühlen. Zwei Jahre wird es dauern, bis sie wieder ein normales Leben führen kann, zwei Jahre, die ihre körperlichen und seelischen Wunden brauchen werden, um auszuheilen. Während dieser Zeit geht sie jeden Abend in die gleiche Bar, der Barkeeper Shingaki wird ihr engster Vertrauter. Eines Tages lernt dort sie den jungen Ataru kennen, der in Begleitung seiner Mutter ist. Ataru allerdings ist in Trauer um seine kürzlich verstorbene Mutter, und Sayoko muss feststellen, dass sie die Geister der Toten sehen kann. Durch die Freundschaft mit Ataru findet Sayoko wieder zurück ins Leben. Sie zieht von zu Hause aus und wagt einen neuen Anfang. Eine einfühlsame Auseinandersetzung mit dem Thema Leben und Tod ohne Melodramatik.

Banana Yoshimoto: Lebensgeister.
Diogenes, 160 Seiten, 15,00 €.


„Midlife-Cowboy“
von Chris Geletneky

Eine Lebenssituation, die in Romanen und im Film schon oft thematisiert wurde: Ein Mann, kurz vor seinem 40. Geburtstag, gerät in eine Sinnkrise. Eigentlich gibt es nichts, über das Tillmann sich beschweren könnte. Ganz im Gegenteil: Er hält seine Ehefrau immer noch für die beste Wahl, die er hat treffen können, und auch in ihrem Freundeskreis gelten die beiden als Vorzeigepaar. Er liebt seine Kinder und hat auch an denen nichts auszusetzen. Die Familie lebt in einer Musterhaussiedlung mit gepflegtem Rasen und einem Gartenteich, trifft sich regelmäßig mit Freunden, die ebenfalls mitten im Leben stehen, feiert Partys und ist allgemein beliebt. Eine spitze Bemerkung des Postausträgers löst aus, was Tillmann lange für sich verdrängen konnte: die Frage, ob das eigentlich alles ist, was er verwirklichen und erleben wollte. Eben noch fährt er routiniert mit dem Rasentraktor über das Gelände, jetzt beginnt er, alles in Frage zu stellen, was sein Leben ausmacht. Nicht, dass er sich von seiner Frau trennen wollte – er liebt und schätzt sie immer noch. Doch die Leidenschaft, der wilde Sex von damals sind der Routine und den Pflichten der Elternschaft gewichen. Und diese Spießigkeit, die ihn umgibt, die er selbst erschaffen hat, ist nicht im Ansatz das, was er sich einst vorgestellt hatte. So zu leben, war nie sein Plan gewesen. Tillmann spürt, wie der alte Draufgänger, der er in seiner Jugend war, sich in ihm meldet. Doch wo könnten jetzt noch Aufregung und Abenteuer auf ihn warten? Die Affäre, die Tillmann bald darauf beginnt, fliegt ausgerechnet an seinem zehnten Hochzeitstag auf – die Turbulenzen, die damit ausgelöst werden, bringen mehr Aufregung als er sich erhofft hatte. Auf seiner Suche nach einem Neuanfang löst er eine Katastrophe nach der nächsten aus, bis plötzlich alles auf der Kippe steht. Auch wenn der Tenor von „Midlife-Cowboy“ überwiegend witzig ist, erlebt der Leser Tillman's Krise hautnah mit.

Chris Geletneky: Midlife-Cowboy.
Lübbe, 384 Seiten, 14,99 €.


„Mit Zorn sie zu strafen“
von Tony Parsons

Während man überall die Silvester-Nacht feiert, wird die Familie Wood auf grausame Weise in ihrem Haus ermordet. In dem wohlhabenden Londoner Viertel kommen die beiden Eltern und zwei ihrer Kinder durch ein Bolzenschussgerät ums Leben, einer Apparatur, mit der sonst Schlachttiere getötet werden. Nur der vierjährige Sohn Bradley ist spurlos verschwunden. Detective Max Wolfe, der die Ermittlungen aufnimmt, stößt schnell auf einen vergleichbaren Fall, der sich allerdings vor sehr langer Zeit ereignete. Vor etwa 30 Jahren hat schon einmal ein Mörder eine ganze Familie auf diese Weise umgebracht. Obwohl der Täter von damals inzwischen alt und todkrank ist, hat Detective Max den Verdacht, dass er bei seiner Vernehmung etwas verschweigt. Alles spricht dafür, dass der Mörder der Familie Wood den kleinen Bradley mit sich genommen hat, und so beginnt eine fieberhafte Suche nach dem Kind. Obwohl sich die Entwicklungen seit den Einsätzen der Polizei überschlagen – es gibt Tote, schwerverletzte Ermittler und dramatische Wendungen – kommt man dem wahren Täter und seinem Motiv bis zum Schluss nicht näher. Ganz offensichtlich ist der Mörder der Polizei immer einen Schritt voraus ...

Tony Parsons: Mit Zorn sie zu strafen.
Lübbe, 320 Seiten, 14,99 €.


„Odin's Söhne“
von Harald Gilbers

In den letzten Kriegswochen 1945 in Berlin herrschen Chaos, Angst und immer noch die Schreckensherrschaft des Nazi-Regimes. Die Menschen wissen längst, dass der Krieg verloren ist und nur noch kurze Zeit dauern kann. Gerade jetzt, da die letzten Kampffähigen abberufen werden, viele um das tägliche Überleben kämpfen müssen, ist erhöhte Vorsicht geboten: Wer auf dem Schwarzmarkt erwischt wird, als Desertierter oder anderweitig Untergetauchter, wird das Kriegsende nicht mehr erleben. Gerichtliche Schnellverfahren und Exekutionen sind an der Tagesordnung. Einer der vielen Untergetauchten ist Kommissar Richard Oppenheimer, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Dienst entlassen wurde und sich nun mit Schwarzmarktgeschäften durchschlägt. Unterstützung erhält Oppenheimer immer wieder von Hilde, die ihm unter anderem aufgrund ihrer guten Kontakte zu neuen Papieren verhilft. Doch dann wird Hilde des Mordes verdächtigt: Erich Hauser, ihr Mann, von dem sie schon lange getrennt lebt, ist in seiner Wohnung tot aufgefunden worden, der Körper extrem verstümmelt. Hauser war SS-Hauptsturmführer und hatte sich ebenfalls eine neue Identität zugelegt, um nach Kriegsende nicht für seine grausamen Taten im KZ belangt werden zu können. Als ausgerechnet Hilde des Mordes verdächtigt wird, beschließt Oppenheimer, der offiziell als verstorben gilt, Recherchen anzustellen. Um Beweise für Hildes Unschuld zu finden und ihr Leben zu retten, riskiert Oppenheimer sein eigenes. Doch dies wird schwieriger als er zunächst vermutet: Hilde scheint ihm etwas zu verschweigen und ein geheimer germanischer Kult ist anscheinend in die Angelegenheit verwickelt.

Harald Gilbers: Odin's Söhne.
Knaur, 528 Seiten, 9,99 €.


„Remember Mia“
von Alexandra Burt

Als Estelle Paradise ihr Bewusstsein wiedererlangt, kann sie sich an nichts erinnern. Nach einem schweren Autounfall liegt sie im Krankenhaus und versucht die Bruchstücke und Bilder, die sich in ihr abspulen, zu sortieren. Sie erfährt, dass sie mit ihrem Wagen in eine tiefe Schlucht gestürzt ist und dass auch auf sie geschossen wurde. Eine ihrer ersten klaren Erinnerungen ist die an ihre Tochter. Estelle ist erst seit kurzem Mutter, ihre Tochter Mia sieben Monate alt. Doch Mia war nicht im Auto, und niemand weiß, wo sie geblieben ist. Nach und nach wird Estelle bewusst, was in den Tagen und Wochen vor dem Unfall geschehen ist. Mia war bereits drei Tage vor dem Unfall aus ihrem Apartment in New York verschwunden und nun verdächtigt man Estelle des Mordes an ihrem Kind. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt begibt sich Estelle in Therapie bei einem Spezialisten für Amnesie-Opfer. Schockiert muss sie feststellen, dass ihr Leben seit der Geburt ihres Kindes eine einzige Krise gewesen ist. Völlig überfordert von der neuen Situation versank Estelle in Depressionen, bald darauf verlassen von ihrem Mann verfiel sie einem regelrechten Verfolgungswahn. Und dann verschwand Mia aus der Wohnung, die mit mehreren Schlössern gesichert war. War sie es selbst, die Mia etwas angetan hat? Nach und nach kommen immer mehr erschreckende Details aus Estelles Leben ans Licht und mit jedem nimmt die ohnehin schon spannende Geschichte für den Leser eine neue Wendung.

Alexandra Burt: Remember Mia.
DTV, 384 Seiten, 14,90 €.


„Skin“
von Veit Etzold

Christian König arbeitet seit kurzem bei „ECC“, einer bekannten Berliner Wirtschaftsberatungsfirma. Sein Job bringt es mit sich, dass er ständig in andere Städte reisen muss und jede Menge Überstunden macht. Oft genug putscht er sich mit Medikamenten auf, um dem beruflichen Druck gewachsen zu bleiben. Für sein Privatleben bleibt kaum Zeit, was weniger ihm als mehr seiner Freundin Nicole gegen den Strich geht. Da Jonathan, einer seiner Kollegen, Schwierigkeiten hat, eine „Excel“-Kalkulationen zu erstellen, wird Christian gebeten, ihn dabei zu unterstützen. Doch schon kurz nach Abschluss dieser Arbeit erfährt er, dass Jonathan gekündigt wurde. Christian ist von dieser Entwicklung einigermaßen überrascht, allerdings ereignen sich von nun an immer mehr Dinge, die ihn regelrecht erschüttern. Zunächst wird in seine Wohnung eingebrochen, bald darauf erhält Christian E-Mails, die scheinbar von selbst wieder verschwinden. Ein Schlüssel, den er seiner Manteltasche findet, führt ihn zu einem Schließfach mit abstoßendem Inhalt. Und dann öffnet er ein Video aus einer obskuren Email, das ihn völlig entsetzt: Zu sehen ist eine stark verstümmelte Wassertleiche, die in einem Swimmingpool treibt. Als Christian sich an die Polizei wendet, ist ihm sofort bewusst, dass man ihn nicht glaubt, weshalb er nur einen Teil der Ereignisse schildert. Es folgen weitere grauenvolle Videos, doch die Polizei findet heraus, dass diese über Christian's eigenem Account gesendet wurden. Und die Toten auf dieses Aufnahmen stammen alle aus seinem Bekanntenkreis ...

Veit Etzold: Skin.
Lübbe, 416 Seiten, 10,99 €.


„Stadt der Lügen – Liebe, Sex und Tod in Teheran“
von Ramita Navai

Ramita Navai ist 1979 als Achtjährige mit ihren Eltern aus dem Iran nach Großbritannien geflohen, als die „Islamische Revolution“ stattfand. Von 2003 bis 2006 kehrte sie als Korrespondentin der „Times“ in ihre ehemalige Heimatstadt Teheran zurück. Als ihr dort vom Kulturministerium die Arbeitserlaubnis als Journalistin entzogen wurde, begann sie, Straßenkinder in den armen Stadtteilen Teherans kostenlos in Englisch zu unterrichten. Von da an lernte sie die Stadt von Seiten kennen, die ihr vorher nicht bekannt waren. Sie begann, Interviews mit Menschen aus den verschiedensten Schichten zu führen, auf acht davon basiert ihr Buch. Während Navai die Geschichte des Iran der letzten 100 Jahre skizziert, kommen acht junge Menschen zu Wort, die über ihren Alltag in Teheran berichten. Vieles davon spielt sich im Verborgenen ab, da das rigide klerikale System nicht nur für Alkohol-, Drogenbesitz, sondern auch für unsittliches Verhalten schwerste Strafen vorsieht. Ramita Navai berichtet davon, wie den Menschen in Teheran der Spagat gelingt zwischen dem korrekten Erscheinungsbild nach Außen und dem Nacheifern eines westlichen Lebensstils im Privaten. Schulmädchen tragen unter dem Tschador Jeans und Turnschuhe, untreue Ehemänner pilgern nicht nach Mekka, sondern nach Thailand, brave Hausfrauen drehen Porno-Filme, Mullahs sagen per Handy die Zukunft voraus, und beim Schönheits-Chirurgen werden nicht nur Nasen gerichtet, sondern auch Jungfernhäutchen wiederhergestellt.

Ramita Navai Stadt der Lügen – Liebe, Sex und Tod in Teheran.
Kein & Aber, 352 Seiten, 22,00 €.


„Tante Poldi und die Früchte des Herrn“
von Mario Giordano

Dies ist der zweite Band um Tante Poldi, der rüstigen Münchnerin, die seit kurzem auf Sizilien lebt. In „Tante Poldi und die sizilianischen Löwen“ war sie kurz nach ihrem Umzug auf die Insel mit einem Mordfall konfrontiert worden, der auf das Konto der Cosa Nostra ging und dessen Aufklärung ihr allein gelang. Die Aufregung über die Ereignisse ist noch gar nicht ganz abgeklungen, da wähnt sich Tante Poldi schon im Blick der sizilianischen Mafia. Nicht nur, dass jemand der ganzen Straße das Wasser abgestellt hat, auch der Hund ihrer Freundin Valerie wurde getötet. Das kann einfach kein Zufall sein. Warnungen, ganz klar! Tante Poldi's Ermittlungen führen sie zu Winzer Avola, dessen Attraktivität sie prompt erliegt. Nach einer heißen Nacht wird man von der Polizei geweckt – leider ausgerechnet von Commissario Montana, Poldi's schwer eifersüchtigem Freitags-Lover. Der ist nicht gekommen, um Tante Poldi nachzuspionieren, sondern weil man eine Leiche auf dem Acker des Winzers gefunden hat – die der leitenden Staatsanwältin der Anti-Mafia-Abteilung. Von einer Weinflasche ist die Frau erschlagen worden, und die trägt auf ihrem Etikett einen Kartenausschntt, der Tante Poldi gleich bekannt vorkommt. Die Verbindung zu ihrem ersten Fall ist mehr als offensichtlich. Tante Poldi aktiviert ihr Ermittlerteam und beginnt mit ihren Nachforschungen. Die Hauptprobleme bei diesem Fall sind die Eigenarten der Sizilaner, die Eifersucht ihres Liebhabers und nicht zuletzt ihr eigenes, recht inniges Verhältnis zum Alkohol. Ein spannender und witziger Krimi, garniert mit allerlei Wissenswertem über Sizilien.

Mario Giordano: Tante Poldi und die Früchte des Herrn.
Lübbe, 368 Seiten, 14,90 €.


„Toter Himmel“
von Gilly MacMillian

Rachel, die von ihrem Mann wegen einer anderen Frau verlassen wurde, lebt seit einer Weile allein mit dem gemeinsamen Sohn Ben. An einem Nachmittag im Herbst geht sie mit dem Achtjährigen und Skittle, seinem Hund, im Wald spazieren. Wie so oft, ist der Waldspielplatz ihr Ziel, und diesmal bittet Ben seine Mutter, allein vorauslaufen zu dürfen. Wenige Minuten später kommt Rachel am Spielplatz an und findet nur eine schwingende Schaukel vor – von Ben fehlt jede Spur. Ein Alptraum beginnt für Rachel, sie sucht nach Ben, ruft nach ihm, sie gerät in Panik und begreift: ihr Sohn ist nicht mehr da. Während die Polizei das ganze Gebiet tagelang durchsucht, steht für manche Menschen schon fest, wer der wahre Schuldige ist. Auf „Facebook“ und auf einer extra für Ben eingerichteten Seite wird Rachel bepöbelt und für das Verschwinden ihres Sohnes verantwortlich gemacht. Neun Tage dauert die Suche nach Ben und in dieser Zeit durchläuft nicht nur Rachel eine Krise, sondern auch ihr Ex-Mann John und der ermittelnde Polizist Jim. Rachel und Jim wechseln als Ich-Erzähler ab, zwischendurch erhält der Leser Einblick in die Gesprächs-Protokolle von Jim's Therapie-Sitzungen bei der Psychologie Francesca Manelli, die ein Jahr nach den Ereignissen stattfinden. „Toter Himmel“ kommt ohne grausame Gewaltszenen aus und hält den Leser dennoch durchgehend im Bann.

Gilly Macmillian: Toter Himmel.
Knaur, 544 Seiten, 14,99 €.


„Verheimlicht – vertuscht – vergessen“
von Gerhard Wisnewski

Was 2015 nicht in der Zeitung stand

Gerhard Wisnewski, Politikwissenschaftler, Schriftsteller und Dokumentarfilmer, befasst sich seit langem mit Themen, die es nicht oder nur verzerrt in die Medien schaffen. In seinen Jahresrückblick „Verheimlicht – vertuscht – vergessen“ führt er auch diesmal wieder eine Fülle von Ereignissen auf, über die anderswo nur oberflächlich und unkritisch berichtet wurde. Dabei gilt sein Augenmerk besonders auch manipulierten Nachrichten, die von Interessengruppen, Regierungen oder Geheimdiensten in die Welt gesetzt werden, um deren Zielen zu dienen. Wisnewski führt uns chronologisch durch das zurückliegende Jahr und zeigt Monat für Monat Zusammenhänge auf, die es nicht in die Nachrichten geschafft haben. Er dokumentiert, wo es begründete Zweifel an der offiziellen Berichterstattung gibt, verweist auf Hintergründe, die selten genannt werden.

Schwerpunkte dieser Ausgabe sind unter anderem Ungereimtheiten und Falschmeldungen im Fall „Charlie Hebdo“, verschiedene Aspekte der Migrationswelle, die in den Nachrichten nicht erwähnt werden, und die Finanzierung des „IS“-Terrors. Wisnewski, der von etablierten Medien als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt wurde, liefern allerdings meist keine letzten Antworten, sondern regt den Leser an, von der Presse gelieferte Wahrheiten zu hinterfragen und sich selbst ein Bild zu machen.

Gerhard Wisnewski: Verheimlicht – vertuscht – vergessen.
Kopp-Verlag, 368 Seiten, 9,99 €.


„Vinyl – Die Magie der schwarzen Scheibe“
von Mike Evans

Grooves, Design, Labels, Geschichte und Revival

Mike Evans hat mehr als 60 Bücher über Musik, Filme und Mode verfasst, für Musikzeitschriften wie „Sounds“ und „Melody Maker“ geschrieben, in mehreren Bands mitgewirkt und sogar zwei Singles bei „Decca“ herausgegeben. In diesem reich bebilderten Band über die Geschichte der Schallplatte beleuchtet er deren Anfänge von der Entwicklung der ersten ‚sprechenden Maschine‘ über die Schellack-Platten, die mit ihren 78 Umdrehungen pro Minute nur ein Musikstück wiedergeben konnten, hin zur ersten modernen Vinylscheibe, die 1931 von „RCA“ produziert wurde. Anschließend dokumentiert Evans für jede folgende Dekade, welche Entwicklungen und Höhepunkte den Erfolg der schwarzen und später oft auch bunten Scheiben begründeten; die Musikrichtungen der aufeinander folgenden Jahrzehnte werden kurz angerissen und viele besonderere Veröffentlichungen vorgestellt bis zu dem Zeitpunkt, an dem mit dem Aufkommen der CD das Ende der Schallplatte verkündet wurde. Doch an diese Phase schließt noch eine weitere an: die Zeit, in der wir uns jetzt befinden, eine Zeit, in der die totgeglaubte Schallplatte längst eine erstaunliche Renaissance erlebt. Waren es zunächst nur eingeschworere Liebhaber des Vinyls und DJs, die der Platte die Treue hielten, kamen später immer mehr junge Menschen hinzu, die, fasziniert von ihren Flohmarkt-Entdeckungen, den Markt für Abspielgeräte belebten. Inzwischen gehen immer mehr Bands dazu über, ihre Alben auch auf Vinyl zu produzieren; Vorreiter waren Bob Dylan und Neil Young, Supermarktketten haben Plattenspieler im Programm, einige der Profi-Marken bringen ganz neue Geräte heraus, Sammler und Radio-Redaktionen zahlen horrende Preise für seltene, oft noch nicht digitalisierte Alben. Der Vergangenheit gehört die Schallplatte gewiss nicht an, und wer den Ruhm und Glanz ihrer großen Tage vermisst – hier findet er ihn wieder.

Mike Evans: Vinyl – Die Magie der schwarzen Scheibe.
Edition Olms, 256 Seiten, 29,95 €.


„Vom Beet in die Küche“
von Sabine Reber

Was für die Generationen vor uns noch selbstverständlich war, hört sich für die meisten Menschen in unserem Kulturkreis inzwischen nach reinem Luxus an: Die Zutaten, die wir gerade in der Küche benötigen, mal eben im eigenen Garten zu ernten. Sabine Reber, Schweizer Sachbuch-Autorin und Gärtnerin aus Leidenschaft schlägt eine Brücke zwischen der Anleitung zum Gärtnern und der kreativen Gemüseküche. In ihrem neuen Gartenkochbuch beschreibt sie, wie mitten in Biel sowie auf einem verwilderten Grundstück ausserhalb der Stadt zwei Gärten angelegt werden, was sie dort anpflanzt und wie sich die geernteten Produkte auf vielfältige Weise in der Küche verwenden lassen. Sabine Reber vermittelt Grundwissen über biologisches Gärtnern, zeigt, wie auf kleinstem Raum Gemüse- und Kräutervielfalt entstehen und welche zum Teil ungewöhnlichen Gerichte in ihrer Küche entstehen. Rund 50 einfach nachzukochende Rezepte unter Verwendung fast aller Pflanzenteile sind hier aufgeführt, die meisten laden zu kreativen Weiterentwicklungen ein. Nicht nur die Frische der Pflanzen ist ein Argument dafür, diese selbst anzubauen. Vieles, was hier vorgestellt wird, ist auf dem heimischen Markt kaum oder gar nicht erhältlich, kann andereseits aber leicht selbst gezogen werden. So lassen sich frische Bambussprossen mit wenig Aufwand im eigenen Garten ernten und in der Küche verarbeiten, ebenso verhält es sich mit Dahlienknollen, Süsskartoffelblättern oder Straußenfarn.

Sabine Reber: Vom Beet in die Küche.
AT, 232 Seiten, 29,95 €.


„Vonne Endlichkait“
von Günter Grass

Im April 2015 verstarb Günter Grass mit 87 Jahren – mehr als ein halbes Jahrhundert lang genoss er als Autor internationale Bekanntheit. Bereits sein erstes veröffentlichtes Werk, die Blechtrommel, machte ihn zu einer der modernen Größen in der deutschen Literatur. Grass schrieb Theaterstücke, engagierte sich politisch, war Redenschreiber für Willy Brandt, entschiedener Kernkraftgegner und erhielt den Literaturnobelpreis. „Vonne Endlichkait“ ist das letzte Buch von Günter Grass – bis zu seinem Tode arbeitete er daran und konnte es nicht ganz fertigstellen. Der Leser bemerkt dies nicht, handelt es sich doch um eine abwechslungsreiche Sammlung meist kurzer Gedichte, Zeichnungen und Prosa zu vielerlei Themen. Gedanken zum Tagesgeschehen finden sich ebenso wie fiktive Gespräche mit längst verstorbenen Dichterfreunden. Grass äußert sich zur Griechenlandkrise und verfasst ein Gedicht, das die Politik Angela Merkels kritisiert. Die Vergänglichkeit allerdings überwiegt in den Betrachtungen. Das Abschiednehmen, körperliche Probleme, Fragen zur eigenen Bestattung. Melancholisch oft, doch immer wieder durchbrochen von subtilem Humor. Und auch der Blick aufs Endliche kann nicht verhindern, dass die Themen des Lebens weiterhin eine Rolle spielen: Liebe und Eifersucht, glückliche Momente, Gedanken über die Zukunft. Ein berührendes letztes Kunstwerk in der für den Steidl-Verlag typischen bibliophilen Gestaltung.

Günter Grass: Vonne Endlichkait.
Steidl, 184 Seiten, über 60 Bleistiftzeichnungen, 28,00 €.


„Wetterschmöcker“
von Michael Theurillat

Kommissar Eschenbach hat bereits mit dem täglichen Verwaltungskram mehr zu tun als ihm lieb ist, und richtige Arbeit liegt ja auch noch an: gleich zwei Leichen bereiten ihm Kopfzerbrechen. Die eine, die man aus dem Fluss gezogen hat, beschäftigt ihn schon länger, die andere ist eben erst ‚eingetroffen‘. Es ist die einer Frau, die auf ungewöhnliche Weise bestattet wurde, anscheinend nach einem indianischen Ritual. Als dann noch Alois Thüring, ein älterer Herr mit wallendem Bart, in seinem Büro erscheint, um seine Nichte als vermisst zu melden, nur weil die zu einem verabredeten Besuch nicht erschienen ist, wird Eschenbach ungehalten. Er versucht, den Mann abzuwimmeln, doch der besteht darauf, dass die Suche nach seiner Nichte sofort eingeleitet wird und zwar unter der Leitung Eschbachs. Thüring war einst in leitender Position in einem Weltunternehmen tätig. Nach einem Burnout zog er sich ins Muotathal zurück und gehört nun zu den „Wetterschmöckern“, die sich der Natur widmen und zweimal im Jahr das Wetter für die kommenden Monate vorhersagen. Seine Nichte Clara ist inzwischen in den Vorstand des Konzerns aufgestiegen, doch momentan fehlt von ihr jede Spur. Eschbach lässt sich überzeugen und verspricht, nach Clara zu suchen. Bei den „Wetterschmöckern“ trifft er auf eine verschworene kleine Gemeinschaft, von der er keine weiteren Informationen zum Verscheinden der jungen Frau erhält. Im Unternehmen, in dem Clara arbeitet, stößt er zunächst auf die gleiche Mauer des Schweigens. Seine Fragen sind unerwünscht, und schon bald ahnt Eschenbach, dass er sich in Gefahr begeben hat. Und die ist größer als er sich zunächst vorstellen kann.

Michael Theurillat: Wetterschmöcker.
Ullstein, 352 Seiten, 26,00 €.


„Zerschunden“
von Michael Tsokos

Michael Tsokos hat mehrere Thriller zusammen mit Sebastian Fitzek veröffentlicht. Dies ist der erste eigenständige Krimi aus der Feder des bekannten Kieler Rechtsmediziners. „Zerschunden“ ist als Auftakt einer neuen Serie gedacht, die auf wahren Fällen und echter Ermittlungsarbeit basiert. In diesem ersten Band geht es um einen Serienmörder, der in ganz Europa tätig ist. In der Nähe von Flughäfen kommt es immer wieder zu Mordanschlägen auf alleinstehende Frauen. Der Täter bringt seine Opfer mit mehreren Messerstichen um und hinterläst anschließend eine Signatur auf den Leichen. Rechtsmediziner Fred Abel vom Bundeskriminalamt beginnt in dem Moment zu recherchieren als die Behörden ein Muster in den Mordfällen erkennen. Das erste Opfer, das der Serie zugeordnet wird, war eine ältere Dame in Berlin, die gerade mit ihren Einkäufen nach Hause zurückkehrte, als sie in die Wohnung gestoßen und getötet wurde. Ein ähnlicher Mord in der Nähe des Londoner Flughafens deutet auf den gleichen Täter hin. Ausgerechnet Lars Moewig, ein Freund Abels, ist der erste Verdächtige – er hatte sich beidemale in der Nähe der Tatorte befunden und in beiden Fällen gibt es Spuren, die ihn als Täter infrage kommen lassen. Ein Alibi hat Moewig nicht und mit der Zeit spricht immer mehr für seine Schuld. An die jedoch kann Abel nicht glauben. Unter Druck steht er nun auch, weil Moewigs todkanke Tochter nicht mehr lange leben wird und Moewig die letzten Tage mit ihr verbringen möchte.

Michael Tsokos: Zerschunden.
Knaur, 432 Seiten, 14,99 €.


„Zersetzt“
von Michael Tsokos

Nach „Zerschunden“ ist dies der zweite Fall, bei dem wir Dr. Fred Abel bei der Arbeit zusehen. Der Rechtsmediziner gehört zu einem Team des „BKA“, das sich mit Extremdelikten befasst. Die Untersuchung von Mordopfern gehört für ihn zum Tagesablauf; er gilt als einer der Besten in seinem Fach. Als die Abteilung wieder einmal mit Arbeit mehr als ausgelastet ist, taucht ein Fall auf, dem man zunächst besonderen Vorrang einräumt. Das Opfer ist allem Anschein nach durch Waterboarding erstickt und wurde ausgerechnet im Regierungsviertel aufgefunden. Doch Dr. Abel wird bei einer ganz anderen Sache hellhörig: Ein Mann, der laut Totenschein des Arztes an Leberversagen verstorben ist, soll noch einmal untersucht werden, da die Leiche eine Einstichstelle in der Kniekehle aufweist. Dr. Abel erinnert sich, dass solch ein Einstich vor nicht allzulanger Zeit schon einmal Thema war. Mitten in seinen Untersuchungen bekommt er den Auftrag, dienstlich nach Transnistrien zu reisen. Dort soll die Identität zweier fast völlig zersetzter männlicher Leichen geklärt werden, die in Kalkfässern gelagert wurden. Da bereits fast sicher ist, um wen es sich handeln müsse, hört sich dies für Dr. Abel zunächst nach einer Routine-Angelegenheit an. Nur dass er nach Osteuropa muss, während er sich lieber mit dem Mann mit der Einstichstelle befassen würde, von dem er vermutet, dass er Opfer eines Serienmörders wurde. In Transnistrien allerdings überschlagen sich die Ereignisse, während in Deutschland eine junge Frau um ihr Leben kämpft ...

Michael Tsokos / Andreas Gößling: Zersetzt.
Knaur, 432 Seiten, 14,99 €.


„Zone 5“
von Markus Stromiedel

Nur wenige Jahrzehnte in der Zukunft, um das Jahr 2060 herum, haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse dramatisch geändert. Europa wird von einem autoritären Präsidenten diktatorisch regiert; im Hintergrund haben fünf multinationale Konzerne die Macht über die Welt mehr oder weniger unter sich aufgeteilt. Über implantierte Chips findet eine fast vollständige digitale Überwachung der Bevölkerung statt. Die europäischen Städte sind in Zonen aufgeteilt, in denen die Menschen hermetisch voneinander getrennt leben. Zone 1 und 2 in den Stadtzentren sind den Priviligierten vorbehalten, die ihren Wohlstand vor den unteren Schichten gesichert haben, in Zone 3 lebt es sich noch einigermaßen verträglich, dort sind die Dienstleister und wichtigen Arbeitskräfte angesiedelt. Die Menschen in Zone 4 werden nur mit dem Allernötigsten versorgt, hier leben die einfachen Arbeiter und diejenigen, die sich aufgrund des Klimawandels in die Slums dieser Zone geflüchtet haben. Und dann gibt es möglicherweise noch eine fünfte Zone, über die immer wieder Gerüchte kursieren. Auch Köln, das einem indischen Pharmamulti untersteht, ist in diese Zonen geteilt; auf das Betreten der höheren Zonen steht für Unberechtigte die Todesstrafe. Alex, eine mutige junge Frau aus Zone 4, beschließt dennoch, in Zone 1 einzudringen: ihre Zwillingsschwester ist an Krebst erkrankt und benötigt dringend Medikamente. Wirksame Mittel gegen diese einst so gefürchtete Krankheit sind zwar längst entwickelt worden, stehen aber nur den Angehörigen der ersten beiden Zonen zur Verfügung. Als Alex bei Ihrem Betreten von Zone 1 verhaftet wird, droht ihr die Hinrichtung. Unverhoffte Unterstützung erhält sie jedoch von David, einem idealistischen jungen Anwalt der ersten Zone, der gerade sein Anerkennungsjahr in Köln absolviert und Kontakte zu einflussreichen Kreisen hat. Ein großer Teil der Spannung, die sich durchgehend durch den Roman zieht, basiert auf den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten auf die Situation. Am Schluss eskalieren allerdings auch die Ereignisse, die durch das Zusammentreffen von Alex und David ausgelöst werden – Ereignisse, die das ganze System bedrohen ...

Markus Stromiedel: Zone 5.
Droemer, 464 Seiten, 14,99 €.

Geändert:  06 / 2020