„Celler Scene“

Wissen, was los ist ...

BUCHBESPRECHUNGEN
im Jahr 2020



(Abb.: N. N.)


 Rezensionen von Isabella Magdalena Banger 


„Buch der Engel“
von Marah Woolf

Von Lucifer betrogen und benutzt, von der eigenen Schwester verraten – das ist alles, woran Moon denken kann. Doch das ist nicht das eigentliche Problem, auf das sie sich konzentrieren sollte: Nur eine SchlĂŒsseltrĂ€gerin fehlt den Engeln noch. Ein letztes MĂ€dchen, um die Tore zum Paradies zu öffnen und damit die Erde zu zerstören. Die Welt steht kurz vor ihrem Untergang.

Um dem Anblick ihrer Schwester mit Lucifer zu entkommen, wechselt Moon von Lucifer's zu Michael's Hof. Dort erfĂ€hrt sie, dass die anderen Erzengel planen, Lucifer zu hintergehen. Sie werden das Paradies nicht mit ihrem verhassten Bruder und den gefallenen Engeln teilen. Sie haben einen Weg gefunden, der zu seiner endgĂŒltigen Vernichtung fĂŒhrt.

Bevor Moon diese Information verarbeiten kann oder gar entscheidet, wie sie sie einsetzt, erfĂ€hrt sie von ihrer eigenen Bestimmung. Sie wusste, dass ihre Mutter sie als Waffe gegen den Weltuntergang ausbildete, doch als sie erfĂ€hrt, was ihre Aufgabe ist, wendet sie sich ab. Sie soll die anderen SchlĂŒsseltrĂ€gerinnen vergiften und so die Apokalypse aufschieben.

Da sie sich weigert, unschuldige Leben zu opfern, muss sie einen eigenen Weg finden, die Welt zu retten. In verschiedenen Interpretationen der Bibel sucht sie nach Antworten: Wie wird die Apokalypse verlaufen? Was hat Lucifer vor? Welche Rolle spielt ihre Schwester? Und vor allem: Wie kann Moon den Untergang der Welt aufhalten, wenn alle gegen sie sind und niemand das ist, was er zu sein scheint?

„Das Buch der Engel“ ĂŒberzeugt als packendes Finale der „Angelussaga“. Wie schon in den ersten zwei BĂ€nden ist es unmöglich zu sagen, wer gut und wer böse ist, wodurch Spannung beim Lesen garantiert wird. Neben der Liebesgeschichte zwischen einem MĂ€dchen, dass die Welt retten muss und einem Engel, der sie vernichten will, gibt die Autorin hier im dritten Band der Reihe noch mehr Einblick in eine persönliche und sehr spannende Interpretation der Bibel. Ein gelungener Abschluss der Buchreihe.

Marah Woolf: Buch der Engel.
Piper, 480 Seiten, 12,00 €


„Das fehlende Glied in der Kette“
von Agatha Christie

Poirot's erster Fall

Als Hastings den Entschluss fasst, seinen alten Freund John Cavendish zu besuchen, freut er sich auf ein wenig Ruhe und Erholung von seinem Einsatz im Krieg. Doch kaum auf dem Anwesen angekommen, wird ihm klar, dass es keine Entspannung geben wird. Die Stimmung unter den Bewohnern des Hauses ist angespannt, was vor allem an dem neuen und sehr viel jĂŒngeren Mann von Mrs. Inglethorp liegt, der Stiefmutter von John und seinem Bruder. Die BrĂŒder, wie die HaushĂ€lterin misstrauen dem neuen Mann, der Mrs. Inglethorp ihrer Meinung nach nur ihres Geldes wegen geheiratet hat.

Als dann Mrs. Inglethorp mitten in der Nacht an unerklĂ€rlichen KrĂ€mpfen stirbt, ist es endgĂŒltig vorbei mit der Ruhe. Wie sich herausstellt, wurde sie vergiftet und alle Bewohner des Hauses verdĂ€chtigen den neuen Mann – nur Hercule Poirot, der wie so oft zur rechten Zeit am rechten Ort ist, glaubt nicht an diese Theorie. Denn wie sich herausstellt, haben alle ein Motiv fĂŒr den Mord und bald scheint ein neuer Schuldiger gefunden zu sein.

Nur Poirot ist nicht ĂŒberzeugt. Im Stillen arbeitet er an seinen eigenen Theorien, muss aber schnell merken, dass jede davon im Nichts verlĂ€uft, da ihm eine zentrale Information, das fehlende Glied in der Kette, fehlt.

ald stehen alle vor einem weiteren RÀtsel: Das Gift, an dem Mrs. Inglethorp starb, hÀtte leicht in ihren Kaffee gemischt werden können, ihr Tod trat aber viel zu spÀt ein, um dadurch ausgelöst worden zu sein. Die Frage ist im Folgenden nicht allein: Wer hat Mrs. Inglethorp ermordet, sondern auch: Wie starb sie.

In einem ĂŒberwĂ€ltigenden Finale deckt Poirot alle ZusammenhĂ€nge auf.

Agatha Christie ist fĂŒr alle Krimifans und Klassiker-Begeisterte ein absolutes Muss. „Das fehlende Glied in der Kette“ ist nicht nur der erste Fall von Poirot, dem international bekannten und allseits beliebten Protagonisten, es ist gleichzeitig auch Agatha Christie's erster Kriminalroman und hat dadurch nicht nur Unterhaltungspotential, sondern auch historischen Wert.

Die spannende, durchdachte und ĂŒberraschende Geschichte bildet mit dem ansprechenden Cover der Neuauflage ein Buch, das jeden ĂŒberzeugen wird.

Agatha Christie: Das fehlende Glied in der Kette.
Atlantik Verlag, Neuauflage 2020, 224 Seiten,
gebunden 20,00 €,  Taschenbuch 12,00 €.


„Das Hotel der Erinnerung“
von Chelsea Bobulski

Das „Great Winslow Hotel“ ist anders als alle anderen Hotels, in denen Nell bisher gewohnt hat – und sie hat in vielen gewohnt. Mit einem Hotel-Manager als Vater kann sie sich gar kein anderes Leben vorstellen. Doch dieses Hotel ist grĂ¶ĂŸer, imposanter, vornehmer und teurer als alles, was Nell bisher gesehen hat.

Sie hĂ€lt es fĂŒr ihr ganz persönliches Traumschloss – bis sie die Eingangshalle betritt. Dort hört sie Stimmen, die niemand sonst hört, sie wird von einer unerklĂ€rlichen Panik ĂŒberfallen und hat das starke Verlangen, wegzulaufen. Und es wird nicht besser: Sie hat die schlimmsten AlbtrĂ€ume und fĂŒhlt sich verfolgt, bis sie schließlich an ihrem Verstand zweifelt.

Um sich abzulenken und sich nicht in der Panik zu verlieren, hilft sie dabei, alte Akten des Hotels fĂŒr eine Ausstellung zu sortieren und stĂ¶ĂŸt dabei auf einen Zeitungsartikel, der sie nicht mehr loslĂ€sst: Der Bericht ĂŒber ein MĂ€dchen namens Lea, das vor Jahren im Hotel ermordet wurde – ohne dass der Mörder je gefasst wurde. Nell ist wie besessen von dieser Geschichte und versucht, mehr darĂŒber hinauszufinden. Ihre Suche fĂŒhrt sie immer wieder zu dem Hotelangestellten Alec, der zum einen nichts mit ihr zu tun haben will, sie zum anderen aber auch ĂŒbervorsichtig beschĂŒtzt.

Was verheimlicht Alec vor Nell? Warum kommt er ihr so vertraut vor? Und was weiß er ĂŒber den Mord an Lea? Eine spannende Geschichte mit undurchschaubaren Verwicklungen, die vom Schicksal zweier MĂ€dchen berichtet, die nur durch die Zeit getrennt sind und die eine tragische Liebesgeschichte verbindet, die von einem dunklen Schicksal ĂŒberschattet wird. Das Buch ist spannend, gruselig, romantisch und unmöglich aus der Hand zu legen. Die perfekte Mischung aus Thriller und Liebesgeschichte.

Chelsea Bobulski: Das Hotel der Erinnerung.
Carlsen, 352 Seiten, 13,00 €.


„Der Tag, an dem der Opa den Wasserkocher
auf den Herd gestellt hat“
von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn

Opa und Oma sind wieder zum Aufpassen bei Luisa, Max und Tiffany, denen aber inzwischen klar ist, wer auf wen aufpassen soll. Da die Großeltern ganz schön schusselig sein können, brauchen sie unbedingt die Kinder, damit sie keine Katastrophen anstellen – doch dass das nicht immer funktioniert, hat man ja schon beim letzten Besuch gesehen, als Oma das Internet kaputt gemacht hat. Diesmal ist Opa an der Reihe, einen Fehler zu machen: Als er Tee kochen will, stellt er kurzerhand den Wasserkocher auf den Herd. Das Plastik schmilzt und durch den Gestank ist es unmöglich, im Haus zu bleiben.

Opa ist das Ganze furchtbar unangenehm, vor allem, als dann auch noch Mama und Papa nach Hause kommen. Doch wie sich herausstellt, ist dieser Wasserkocher nicht der erste gewesen, den die Familie besessen hat und jeder der VorgÀnger ist durch einen Àhnlich unerwarteten Fehler kaputt gemacht worden. Denn jeder macht mal Fehler.

Das Buch ist sĂŒĂŸ geschrieben, witzig und schön illustriert und sprachlich fĂŒr Kinder sehr gut zu verstehen. Trotz der Einfachheit ist der Text lebhaft, spannend und lustig. Kurze ErlĂ€uterungen, wie etwa die Beschaffenheit der Wasserkocher zu Opas Zeiten, helfen den Kindern, die Fehler der Großeltern nachzuvollziehen. Neben dem gegebenen Unterhaltungsaspekt, lehrt dieses Buch ein Kind, tolerant gegenĂŒber den Missgeschicken anderer zu sein und zu verstehen, warum Ă€ltere Menschen oft vergesslich sind.

Dieser Band folgt auf das Buch „Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat“. Die beiden BĂŒcher lassen sich jedoch unabhĂ€ngig voneinander lesen und es ist keinerlei Vorwissen nötig.

„Der Tag, an dem der Opa den Wasserkocher auf den Herd gestellt hat“ hat alles, was ein Kinderbuch haben muss.

Marc-Uwe Kling / Astrid Henn: Der Tag, an dem der Opa
den Wasserkocher auf den Herd gestellt hat.
Carlsen Verlag, 72 Seiten, 12,00 €.


„Die Frau in der Themse“
von Steven Price

1885 stirbt Charlotte Reckitt in London – doch wo ihr Leben endet, erreicht ihre Geschichte die Pointe. Wie ist sie gestorben? Sie wurde ermordet. Vermutlich. Aber wer kann das schon so genau wissen? Sie war eine schöne Frau, stolz, unabhĂ€ngig und vor allem eine Gesetzlose.

In ihrem Leben war sie das Ziel zweier MĂ€nner: William Pinkerton, ein berĂŒchtigter Detektiv aus Amerika, und Adam Foole, ein Dieb und Gesetzloser, genau wie Charlotte. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, doch nun werden sie gegen ihren Willen durch eines einander gebunden: Den Drang, den Mörder von Charlotte Reckitt zu finden.

FĂŒr Adam Foole ist sie die Vergangenheit: Eine teuflische Geliebte, die ihn bei seinen grĂ¶ĂŸten Verbrechen begleitete, die er aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

FĂŒr William Pinkerton ist sie das Ende einer langen Suche, einer Besessenheit, denn sie hĂ€tte ihn zu einem Mann fĂŒhren können, den schon sein Vater jagte: Edward Shade.

Als Foole und Pinkerton aufeinandertreffen, ahnt keiner der beiden, welche Auswirkungen diese Begegnung haben wird. Beide haben andere Sorgen: Wer ist Edward Shade? Und was passierte wirklich mit Charlotte Reckitt?

Was diesem Roman hervorragend gelingt, ist, vergangene Welten lebendig werden zu lassen. Nicht nur London 1885 wird authentisch beschrieben und zieht den Leser in eine andere Zeit, auch etliche weitere SchauplĂ€tze geben ein eindrucksvolles Bild der Vergangenheit wieder. Jede Figur hat ihre eigene Vorgeschichte und jede dieser Geschichten spielt an einem anderen Ort – der Leser wird in der Vergangenheit um die halbe Welt gefĂŒhrt und glaubt, sich selbst dort zu befinden.

Die Handlung an sich ist auch spannend, es werden einige mysteriöse Fragen aufgeworfen, deren Auflösung oft einen Aha-Moment bewirkt. Insofern ein gelungenes Buch.

Allerdings muss die Vorliebe fĂŒr historische Kriminalromane beim Leser schon vorhanden sein: Das hier ist kein Buch zum schnellen Lesen zwischendurch, einzelne HandlungsstrĂ€nge werden aufwendig eingefĂŒhrt und mĂŒssen fĂŒr ein komplettes VerstĂ€ndnis aufmerksam gelesen werden. Der Roman ist sehr umfangreich, und nur jemand, der sich in dem Genre zuhause fĂŒhlt, wird die 1.000 Seiten mit Spannung durchhalten. Wem diese Art von ErzĂ€hlung aber bereits in der Vergangenheit Freude bereitet hat, wird vor der LĂ€nge nicht zurĂŒckschrecken.

Steven Price: Die Frau in der Themse.
Diogenes, 928 Seiten, 28,00 €.


„Die RĂŒckkehr der Engel“
von Marah Woolf

Die Welt hat sich verĂ€ndert. FrĂŒher gab es nur wenige, die an die Existenz Gottes geglaubt haben, und davon trĂ€umten, dass Engel die Erde betreten wĂŒrden, um die Menschen von ihrem Leid zu erlösen.

Diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen glaubt jeder an die Engel. Als sie vor ein paar Jahren zum ersten Mal die Erde betraten, war der Jubel groß. Die Menschen sprachen von Wundern und Erlösung, sie wollten ihre Welt mit den Engeln teilen und mit ihnen zusammen ins Paradies eintreten. Doch die Engel waren nicht die göttlichen, rein guten Geschöpfe, als die sie in den Legenden dargestellt werden.
Sie sind grausam. Menschen sind fĂŒr sie eine niedere Rasse und sie wollen nichts weniger, als das Paradies mit ihnen zu teilen. Dennoch brauchen die Engel die Hilfe der Menschen, um ihr Ziel zu erreichen und beherrschen deshalb seit ihrer Ankunft die Erde.

Es ist eine Welt voller Ungerechtigkeit und Grausamkeit. In dieser Welt lebt die 18-jĂ€hrige Moon mit ihrer Zwillingsschwester und ihrem jĂŒngeren Bruder. In einem dystopischen Venedig unter der Herrschaft der Engel kĂ€mpft sie in der Arena, um Geld zu verdienen. Alles, was sie will, ist, ihre Geschwister aus der Stadt zu bringen und sie vor den Engeln zu schĂŒtzen.

Ihre wichtigste Regel ist, niemandem zu vertrauen, ganz besonders keinem Engel. Doch als sie einen verletzten Engel vor PlĂŒnderern rettet, kommt alles anders. Denn offenbar sind nicht alle Engel grausam. Einige sind einfĂŒhlsam, liebevoll und verdrehen Moon den Kopf. Oder ist das nur ein Trick, um hinter ihre Geheimnisse zu kommen?

Der erste Band dieser Trilogie ist spannend und mit viel GefĂŒhl geschrieben. AnfĂ€nglich kann es schwer sein, sich in die Situation der Geschichte zu versetzten – die bösen Engel sind gar nicht, was man gewohnt ist und anfĂ€nglich kann dies befremdlich sein. Aber es lohnt sich, dranzubleiben und Szenerie und Charaktere nĂ€her kennenzulernen. Bald fiebert der Leser auf jeder Seite mit und wartet mit Spannung auf die Auflösung.

Auch die Situation an sich ist extrem spannend – ein interessanter Blick auf den Charakter eines himmlischen Geschöpfs aus einer ganz neuen und auch ĂŒberzeugenden Perspektive.

Marah Woolf: Die RĂŒckkehr der Engel.
Piper, 384 Seiten, 39,00 €.


„Evil Miss Universe“
von Tobias O. Meissner

Was tut man, wenn man schlau, einfallsreich, hinterhĂ€ltig, grandios und hĂŒbsch ist? Man wird zu einer Superschurkin! Das findet zumindest Dominique, eine kleine, eindrucksvolle Frau mit misteriöser Vergangenheit. Von ihrem Wohnsitz in der obersten Etage des „Tour Montparnasse“ aus, erfindet sie die wahnwitzigsten Übeltaten und Abenteuer. Auch wenn ihre Motivationen nicht immer verstĂ€ndlich sind und viele Ideen den Verstand eines einfachen Menschen ĂŒbertreffen, ist sie so erfolgreich, wie sie nur sein kann.

Egal, ob sie die britischen Kronjuwelen stehlen oder den „Euro Vision Song Contest“ gewinnen will – alles, was sie sich vornimmt, zieht sie mit beeindruckender PrĂ€zision durch. Und die Welt bewundert sie. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich selbst als wunderschöner Engel inszeniert. Woher sollen die Menschen auch wissen, dass der Firmenname „EMU“ nicht fĂŒr „Emotions Morals Uniqueness“ steht ...

Einzig ein Widersacher stellt sich ihr in den Weg und das immer wieder: Mr. Right, ein selbsternannter Superheld der USA, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Dominique zu vernichten.

Dieses Buch ist auf eine herrlich humorvolle Art kritisch. Durch den zynischen Einbezug der RealitĂ€t wird der Roman lebendig und lĂ€sst den Leser stellenweise daran zweifeln, ob wirklich alles nur erfunden ist. Die Mischung aus Superschurkin und modernem Robin Hood, die sich in Dominique vereint, mach das ganze zu einem absoluten LesevergnĂŒgen fĂŒr alle, die Abwechslung und Zynismus zu schĂ€tzen wissen.

Tobias O. Meissner: Evil Miss Universe.
Piper, 320 Seiten, 15,00 €.


„Fahrenheit 451“
von Ray Bradbury

Die Welt irgendwann nach 2022. Der Besitz von BĂŒchern ist verboten, Allgemeinbildung und Wissen sind verachtet. Die breite Masse der Menschen ist willenlos, einfĂ€ltig und wird von den Medien gelenkt, ohne sich daran zu stören. Die allgemeine TrĂ€gheit wird als Segen wahrgenommen, denn wer nicht liest oder sich anders Wissen aneignet, kann sich keine Meinung bilden und wenn es keine Meinungen gibt, gibt es auch keine Meinungsverschiedenheiten und folglich keine Auseinandersetzungen mehr. Dummheit macht glĂŒcklich.

In dieser Welt lebt der Feuermann Guy Montag. In seinem Beruf folgt er einer einzigen Aufgabe: Dem Verbrennen von BĂŒchern. Meldet ein Nachbar oder Bekannter den illegalen Besitz eines oder mehrerer BĂŒcher, kommen die FeuermĂ€nner zum benannten Haus und verbrennen es samt.

Dass Montag seine Arbeit nicht sonderlich mag, ist ihm gar nicht bewusst oder er weiß einfach nicht, wie er mit einem kritischen Gedanken umgehen soll. Das Ă€ndert sich, als er ein MĂ€dchen trifft, das sich ein eigenes Bild von der Welt macht, das alles hinterfragt und sich nicht in das System einfĂŒgt. Sie bringt Montag dazu, eigene Gedanken zu fassen.

Ihr plötzlicher Tod und ein traumatisierender Einsatz, bei dem nicht nur BĂŒcher, sondern auch ihre Besitzerin verbrannt werden, werfen Montag's Leben komplett aus der eingefahrenen Bahn. Er will sich gegen das System stellen, muss aber feststellen, dass die Menschen, die ihm am nĂ€chsten sind, nicht bereit sind, ihm zuzuhören, sehr wohl aber bereit, ihn zu verraten. Als herauskommt, dass Montag selbst im Besitz einiger BĂŒcher ist, findet er sich auf der Flucht vor allzu bekannten Gesichtern wieder.

„Fahrenheit 451“ ist ein großartiger Roman. Moderne Science-Fiction kommt nicht annĂ€hernd an das heran, was dieser 1953 geschriebene Klassiker erreicht. Einige technische Details dieser Zukunftsversion sind zwar teilweise mehr niedlich als ĂŒberzeugend, von der beschriebenen MentalitĂ€t ist die heutige Gesellschaft jedoch nur wenige Schritte entfernt, was die Geschichte noch schockierender macht.

Das Buch ist spannend, verstörend und großartig geschrieben. Das Finstere, das den Leser von Anfang an begleitet, wird durch ein hoffnungsvolles Ende aufgelöst. Jeder, der sich fĂŒr Science-Fiction oder Geschichte interessierst, der spannende oder faszinierend schockierende BĂŒcher liebt oder einfach einen großartigen Klassiker lesen will, ist mit „Fahrenheit 451“ gut beraten.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451.
Diogenes, NeuĂŒbersetzung von 2020, 272 Seiten,
gebunden 24,00 €, Taschenbuch 9,95 €


„Falling Skye – Kannst du deinem Verstand trauen?“
von Lina Fritsch

Seit die Vereinigten Staaten von den ‚glĂ€sernen‘ Nationen abgelöst wurden, ist Amerika ein besserer Ort. Denn die FĂŒhrer der ‚glĂ€sernen‘ Nationen haben einen Weg gefunden, Diskriminierung und KriminalitĂ€t fĂŒr immer zu beenden. Durch die Einteilung der Menschen in „Ratio“ und „Senso“ wird jede Unzufriedenheit ausgelöscht, jeder bekommt den Platz in der Gesellschaft, der ihm durch sein Temperament zusteht. Die Rationalen leiten den Staat, sie haben die obersten Positionen, die meiste Macht und fĂŒhren Berufe aus, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden mĂŒssen. Das steht den Emotionalen nicht zu. Durch ihr gefĂŒhlsbasiertes Handeln sind sie nicht in der Lage, die richtige Entscheidung in einer Krisenlage zu treffen. Sie werden mit der Aufgabe der Kindeserziehung betraut, sie arbeiten in Pflegeheimen und ĂŒberall sonst, wo eine mitleidige Hand gebraucht wird.

Als die 16-jĂ€hrige Skye zu ihrer Testung einberufen wird, macht sie sich wenig Sorgen – sie ist davon ĂŒberzeugt, eine Rationale zu sein. Doch kurz vor ihrem Aufbruch ins Testungszentrum ĂŒberschlagen sich die Ereignisse und Skye beginnt an ihrer Bestimmung zu zweifeln. Dennoch will sie den Traum von einem großartigen Leben und dem Studium an einer Elite-UniversitĂ€t nicht aufgeben, drĂ€ngt ihre GefĂŒhle zurĂŒck und benimmt sich in jeder Hinsicht rational. Mit Erfolg, denn anders als die meisten besteht sie jede PrĂŒfung mit einem rationalen Ergebnis.

Doch ihr wird schnell klar, dass mit dem Zentrum etwas nicht stimmt. Warum werden MĂ€dchen und Jungs vollkommen voneinander isoliert? Und wohin verschwinden die MĂ€dchen, die jeden Tag im Ranking absinken?

Als die PrĂŒfungen immer verstörender und unmenschlicher werden, versucht Skye mit der Hilfe eines mysteriösen Testleiters herauszufinden, was wirklich im Zentrum passiert. Ihre Entdeckung zerstört brutal ihr bisheriges Weltbild. Denn es ist nicht RationalitĂ€t und EmotionalitĂ€t worauf die MĂ€dchen getestet werden ...

Ein Geschichte der Ungerechtigkeit und guter VorsĂ€tze, die zur UnterdrĂŒckung der andersartigen fĂŒhren. „Falling Skye>“ zeigt dem Leser eine neue Weltordnung der totalen Überwachung, in der ein Mensch nicht mehr nach seinen FĂ€higkeiten, sondern nur nach seinen CharakterzĂŒgen beurteilt wird. Ein wirklich erschĂŒtternder Roman, der gnadenlos die Beeinflussbarkeit und die Tendenz zur MitlĂ€uferschaft der Menschheit beleuchtet.

Lina Frisch: Falling Skye – Kannst du deinem Verstand trauen?
Coppenrath, 464 Seiten, 20,00 €.


„Four dead Queens“
von Astrid Scholte

Quadara ist ein Land, das von vier Königinnen regiert wird. Jede herrscht ĂŒber den Quadranten, in dem sie aufgewachsen ist, jede muss sich an Regeln halten, um den Frieden des Landes zu gewĂ€hrleisten. Doch nicht alle Regeln sind leicht zu befolgen und im Laufe der Zeit hat jede von ihnen mindestens eine gebrochen.

Im Quadranten Toria lebt die junge Diebin Keralie. Um ihrer Vergangenheit zu entkommen, konzentriert sie sich nur auf das Leben als Diebin – dieses Leben wird jedoch komplett aus der Bahn geworfen, als ihr Mentor und bester Freund Mackiel ihr befiehlt, einem eonistischen Boten vier Erinnerungschips zu stehlen. Doch anders als sonst verkauft Mackiel Keralies Beute nicht, sondern behĂ€lt sie fĂŒr sich selbst. Keralie beginnt zu ahnen, dass er nicht der harmlose Boss einer Diebesgilde ist, der er zu sein scheint. Kurz entschlossen stielt sie die Chips mit Hilfe des Boten zurĂŒck – und wird unfreiwillig Zeugin der darauf enthaltenen Erinnerungen: Jeder Chip zeigt den Mord an einer Königin. Alle vier Königinnen von Quadara sind tot.

Keralie und der Bote beschließen, ihre Informationen ĂŒber den Mörder in den Palast zu bringen; beide hoffen auf eine Belohnung, die ihr aussichtsloses Leben verĂ€ndern könnte. Doch im Palast angekommen erwartet sie ein Schock: Es waren keine Erinnerungen, die sie auf den Chips gesehen haben. Es waren PlĂ€ne. Die Königinnen leben. FĂŒr Verwirrung bleibt ihnen nicht viel Zeit, denn kurz darauf stirbt die erste Königin vor ihren Augen, genauso, wie die Chips es zeigten. Sie mĂŒssen schnell handeln, denn niemand weiß, wie lange der Mörder wartet, bevor er das nĂ€chste Mal zuschlĂ€gt ...

Ein Kriminalroman in einer Fantasy-Welt. Spannend, grausam und fantasievoll. Der Leser fiebert mit, ob wenigstens eine der Königinnen, die einem im Laufe des Buches ans Herz wachsen, den Mörder ĂŒberlebt. Die unerwartete Auflösung ĂŒber Mörder und Drahtzieher im Hintergrund beruht auf einer unglaublichen Verschwörung, die viel tiefer geht, als man es zu Beginn des Buches auch nur ahnen könnte.

Astrid Scholte: Four dead Queens.
Piper, 448 Seiten, 16,00 €.


„Ich hab' nichts gegen Frauen, du Schlampe!“
von Sarah Bosetti

Ob es die bösen AuslĂ€nder sind, die dumme Frau oder der böse Feminismus – als politisch engagierte Feministin bekommt Sarah Bosetti jeden Tag Hasskommentare von fremden Menschen. Eine Frau solle nicht sprechen, das störe ihr Aussehen und derartige Sachen muss sie tĂ€glich lesen, einige Menschen wĂŒnschen ihr sogar den Tod.

NatĂŒrlich könnte sie diese Kommentare mit Hass erwidern – aber wo bliebe denn da der Spaß? So entstand dieses Buch – ein Gedichtband, in dem Sarah Bosetti mit Liebesgedichten auf ihre Hasskommentare antwortet. Ihre Gedichte sind witzig, zynisch und stellen den wĂŒtenden Hasskommentar-Verfassern eine ordentliche Portion Intelligenz und Schlagfertigkeit entgegen.

Neben ihrer hohen thematischen Wichtigkeit sind die Gedichte auch noch sehr unterhaltsam; Spaß ist beim Lesen dieses Buches auf jeden Fall garantiert. Die meisten Gedichte enthalten eine humorvolle Schlusspointe, sie passen sich in Sprache und Stil perfekt an den heuteigen Zeitgeist an.

Auch die behandelten Probleme spiegeln unsere Zeit wieder: Durch AnonymitĂ€t im Internet, kommt es oft zu Wellen von Hasskommentaren, NegativitĂ€t wird wahl- und grundlos vergeben. Es gibt Menschen, die ihren Frust ĂŒber das Internet an Fremden auslassen, einfach weil sie wĂŒtend sind, weil es ihnen Macht gibt oder weil sie mit der Masse schwimmen. Auf diese Probleme weist Sarah Bosetti mit ihrem Werk nicht nur hin, sie ist uns allen auch ein gutes Beispiel, wie man mit Hass umgehen sollte.
WĂŒrden alle Menschen so auf Hass reagieren, wie sie es tut, gĂ€be es vermutlich gar keinen Hass mehr.

Damit ist dieses Buch etwas fĂŒr alle, die in irgendeinem Regal noch Platz dafĂŒr haben. Man muss dafĂŒr weder weiblich noch feministisch veranlagt sein, ihr Humor und ihre Art, Hass mit schlagfertiger Liebe zu erwidern, werden jeden begeistern.

Sarah Bosetti: Ich hab' nichts gegen Frauen, du Schlampe.
Rowohlt, 128 Seiten, 10,00 €.


„Katzen – Samtpfoten aus aller Welt“
von Tuul und Bruno Morandi

Seit Jahren reist das Fotografenpaar Morandi durch die ganze Welt und nimmt eindrucksvolle wie unbeschreibliche Momente auf. Ein Motiv kam den Fotografen wĂ€hrend ihrer Reisen immer wieder vor die Kamera: die Katze. Beheimatet in aller Welt kreuzte sie immer wieder ihren Weg und hat in diesem Buch den Ehrenplatz gefunden, der ihr gebĂŒhrt.

Diese Mischung aus Fotobuch, Poesiealbum und ReisefĂŒhrer zeigt nicht nur niedliche, bewegende und spannende Bilder, es fĂŒhrt den Betrachter außerdem einmal um die Welt und lĂ€sst ihn einen Blick auf enge Gassen in Marokko werfen, auf griechische Inseln und japanische Katzentempel. Man bekommt einen Eindruck von den verschiedensten Orten und auch von ihren Bewohnern, die auf vielen Bildern mit den Katzen zu sehen sind.

Die Fotos sind hochwertig und werden durch verschiedene Perspektiven und ein gutes Auge zu echter Kunst.

Die Bilder sind nicht das Einzige, was das Buch beinhaltet, auf vielen Seiten finden sich GedichtauszĂŒge oder die Gedanken berĂŒhmter Menschen zur Katze. Die besondere Bedeutung der einzelnen Bilder wird hierdurch noch stĂ€rker hervorgerufen und betont, die verschiedenen Kunstformen von Bild und Text ergĂ€nzen sich zu einer perfekten Harmonie.

Auch interessante Informationen ĂŒber die Katze werden im Buch erlĂ€utert, vor allem mit dem Blick auf ihre interkontinentale Verbreitung. Und nicht nur der historische Weg der Katze wird beschrieben, auch die Reise der Fotografen wird thematisiert.

Ein Buch, das zum TrĂ€umen anregt und Sehnsucht nach fernen LĂ€ndern weckt. Es ist etwas fĂŒr alle Katzenliebhaber, Reisebegeisterte und Bewunderer der kĂŒnstlerischen Fotografie.

Tuul und Bruno Morandi: Katzen – Samtpfoten aus aller Welt.
Frederking & Thaler Verlag, 256 Seiten, 29,99 €.


„Kill the Queen – Die Splitterkrone 1“
von Jennifer Estep

Als Siebzehnte in der Thronfolge von Bellona ist Lady Everleigh Winter Blair fĂŒr all die Dinge zustĂ€ndig, die sonst keiner aus der königlichen Familie ĂŒbernehmen will. So backt sie Kuchen, lernt BegrĂŒĂŸungstĂ€nze und lebt abseits von den wirklich MĂ€chtigen in einer kleinen Kammer im obersten Winkel der Burg. Denn wer mĂ€chtig ist, entscheidet sich durch die Magie, die jemand besitzt und Evie hat keine einzige ĂŒbernatĂŒrliche FĂ€higkeit. Zumindest lĂ€sst sie das jeden glauben, denn sie weiß, in welcher Gefahr sie sich sonst befinden wĂŒrde.

Dass sie als harmlos eingestuft wird, rettet ihr kurz darauf das Leben: Als ihre Cousine, die Kronprinzessin Vasilia, ihre Mutter und den Rest der Familie ermordet, um unbegrenzte Macht zu erlangen, ist Evie die einzige, die entkommen kann.

Die letzten Worte ihrer Königin fĂŒhren sie zu einer berĂŒhmten Gladiatorengruppe, deren AnfĂŒhrerin die einzige sein soll, der Evie vertrauen kann. Doch nachdem die komplette Familie vor einem ermordet wurde und die Mörderin nicht nur ungestraft davonkommt, sondern auch Anstalten macht, den Thron zu besteigen und das Land in einen Krieg zu stĂŒrzen, ist es gar nicht so einfach zu vertrauen. Evie beschließt, sich selbst zur Gladiatorin ausbilden zu lassen, ohne ihre Herkunft zu verraten, um herauszufinden, ob sie diesen Menschen wirklich vertrauen kann. Denn sie ist die einzige, die die Wahrheit ĂŒber den Anschlag in der Burg kennt, der einzige Zeuge, der ĂŒberlebt hat. Und sie ist die letzte Überlebende der königlichen Familie und damit die einzige, die Vasilia die Macht entreißen und das Land retten kann.

Die erste High-Fantasy-Welt, die die Autorin erschaffen hat, kann als großartiger Erfolg gewertet werden. Das Buch ist spannend und witzig, dazu kommt die starke Heldin mit dem leicht zynischen Humor, die alles aufs Spiel setzt, um die Ungerechtigkeit zu bekĂ€mpfen. Alle Figuren haben ein hohes Identifikationspotenzial, es macht Spaß, an ihrer Seite den Weg zur Gerechtigkeit zu gehen. FĂŒr jeden Fantasy-Fan und solche, die es werden wollen absolut lesenswert!

Jennifer Estep: Kill the Queen – Die Splitterkrone 1.
Ivi, 496 Seiten, 17,00 €.


„LebenslĂ€ufe der berĂŒhmtesten Maler,
Bildhauer und Architekten“
von Georgio Vasari

25 Biografien befinden sich in diesem Buch. Von Cimabue ĂŒber Giotto und da Vinci zu Michelangelo beschreibt Georgio Vasari das Leben aller namenhaften KĂŒnstler der italienischen Renaissance. Dabei wird zum einen deren Hauptwerk beleuchtet, welches in chronologischer Reihenfolge steht, zum anderen wird lebendig beschrieben, wie die jeweiligen KĂŒnstler zu ihrer Berufung fanden, wo sie in die Lehre gingen und wie ihr Privatleben aussah.

Wer ging bei wem in die Lehre, wer ĂŒbertraf seinen Meister mit seiner Kunst und welche bahnbrechenden VerĂ€nderungen brachten viele der genannten KĂŒnstler in das damalige VerstĂ€ndnis der Kunst?

All diese Informationen werden von Vasari im KĂŒrzesten zusammengefasst, jede Biografie umfasst nur wenige Seiten. So ist es jedem möglich, die wichtigsten Informationen in kurzer Zeit zu erfassen und einen Schnelldurchlauf in kĂŒnstlerischer Bildung durchzumachen.

Obwohl der Text schon alt ist – Vasari selbst war ein italienischer KĂŒnstler des 16. Jahrhunderts – lĂ€sst er sich fĂŒr den heutigen Leser gut verstehen und einfach nachvollziehen. Italienische Zitate und Anspielungen auf nicht beschriebene Kunstwerke sind mit Fußnoten versehen und können im hinteren Teil des Buches nachgeschlagen werden, sollte UnverstĂ€ndnis auftreten.

Der kleine Teil schriftstellerische Fantasie, die in die Biografien eingebaut wird, nimmt dem Ganzen den Charakter einer trockenen wissenschaftlichen Arbeit und macht das Buch durch verschiedene Anekdoten zu einem echten Lese- wie LernvergnĂŒgen. Ob Giotto wirklich von seinem Meister entdeckt wurde, als er ein Schaf auf einen Stein zeichnete, kann heute nicht mehr geklĂ€rt werden. Fakt ist aber, dass es den Leser unterhĂ€lt und diese Sammlung an Biografien durch derart faszinierende Details einzigartig wird.

Die neuste Übersetzung dieses Wegleiters der Kunstgeschichte ist in einem praktischen Format gedruckt – die KĂŒrze der Biografien findet sich im Äußeren des Buches wieder: Recht dick, dafĂŒr aber sehr klein und praktisch zu verstauen und ideal fĂŒr jede Italienreise. Kunstliebhaber können vor Ort schnell das Leben eines KĂŒnstlers nachschlagen, wenn sie vor einem beeindruckenden Werk der Renaissance stehen, das Buch passt garantiert in jede Reisetasche, nimmt wenig Platz weg und ist sehr leicht.

Wer sich fĂŒr Kunstgeschichte interessiert, von der italienischen Kunst begeistert ist oder sich einfach schnell etwas Wissen aneignen will, ist mit diesem Buch gut beraten. Es gibt wohl kein zweites Buch, das die italienische Kunstgeschichte von drei Jahrhunderten so kompakt wie komplex wiedergibt.

Georgio Vasari: LebenslĂ€ufe der berĂŒhmtesten Maler, Bildhauer und Architekten. Manesse Verlag, 768 Seiten, 25,00 €.


„Teenie Voodoo Queen“
von Nina MacKay

Als leicht pummeliger Teenager hat man es zwischen oberflĂ€chlichen MitschĂŒlern nicht immer leicht. Die Voodoo-Hexen-Abendschule sollte also eigentlich eine Abwechslung fĂŒr Dawn Decent sein, denn dort geht es vielmehr darum, sich mit den Loas – götterĂ€hnlichen Geisterwesen – zu verbinden, statt auf Äußerlichkeiten zu achten. Nur ist Dawn leider die unbegabteste Voodoo-Hexe der Welt. Welchen Zauber sie auch versucht, am Ende entstehen nur RĂŒben und Frösche.

Als sei das alles nicht genug, empfangen die Voodoohexen auch noch die Prophezeiung einer Naturkatastrophe, die ihre Heimatstadt New Orleans zu vernichten droht. Ausgerechnet Dawn wird von ihrer Loa auserwÀhlt, die Stadt zu retten.

Ihr stehen zwei unverhoffte Freunde zur Seite: Jax und Lin, ein Junge, der Jahre in der Gestalt eines Alligators verbracht hat und jetzt schokoladensĂŒchtig ist, und ein Loa, der in eine menschliche Lebensform gezwungen wurde. Ihre MitschĂŒler beneiden sie um die beiden Jungen an ihrer Seite, doch Dawn hat Zweifel an der Sache, denn keiner der beiden scheint wirklich der zu sein, fĂŒr den er sich ausgibt. Sind sie wirklich ihre Freunde? Warum schleicht Jax sich nachts weg und tut am nĂ€chsten Tag so, als könne er sich an nichts erinnern? Was treibt Lin wirklich an – der Wunsch, Dawn zu helfen, oder das Verlangen, wieder zum Loa zu werden?

Eine spannende und witzige Geschichte voll interessanter Informationen ĂŒber Voodoo und fremde Kulturen. Bestechende Charaktere ĂŒberzeugen mit Einzigartigkeit und unerwarteten Wendungen. Genau das richtige Buch fĂŒr jeden, der sich fĂŒr Magie, unbekannte Kulturen und eine gewisse Portion Spannung interessiert.

Nina MacKay: Teenie Voodoo Queen.
Verlag Ivi, 448 Seiten, 15,00 €.


„Verborgenes Venedig“
von Thomas Jonglez, Paola Zoffoli und Irene Galifi

Venedig ist eine der meistbesuchten StĂ€dte der Welt. JĂ€hrlich bewundern Menschen aus aller Herren LĂ€nder die einzigartige Stadt – und werden dabei oft vom Touristenstrom mitgerissen, ohne sich wirklich auf alle SehenswĂŒrdigkeiten konzentrieren zu können. Man neigt dazu, in den Gassen enge Kreise um die Hauptattraktionen zu ziehen ohne auch an die weniger bekannten Schönheiten der Stadt zu gelangen.

Dieser ReisefĂŒhrer kann dagegen helfen. Er beinhaltet unzĂ€hlige geheime Orte, SehenswĂŒrdigkeiten und Details, die teilweise nicht einmal als solche scheinen, sondern so unscheinbar sind, dass man ohne die Hilfe dieses Buches daran vorbeigegangen wĂ€re. Mit historischem Hintergrundwissen ergĂ€nzt, werden eine Kerbe im Boden, der Steinkopf einer Frau und unzĂ€hlige in die WĂ€nde eingelassene Symbole zu spannenden Wegweisern durch die Stadt abseits der ĂŒblichen Touristenpfade.

Was bedeuten die Linien auf dem Markusplatz? Was ist die Himmelsarznei? Wie sollte die RialtobrĂŒcke ursprĂŒnglich aussehen? Das Buch gibt antworten hierauf und weist auf geheime Orte und versteckte GĂ€rten hin, von denen teilweise auch Einheimische nichts wissen.

Die einzelnen PlĂ€tze sind nach Stadtteilen sortiert, auf Karten werden sie genau verzeichnet, sodass man sie gut finden kann. Bei jeder SehenswĂŒrdigkeit befindet sich auch eine Anmerkung, was in nĂ€chster Umgebung bewundert werden kann, weiterhin sind Öffnungszeiten und eventuelle Ansprechpartner abgedruckt, dazu kommen hilfreiche Anmerkungen, wie zum Beispiel die beste Zeit fĂŒr einen Besuch.

FĂŒr Reisende, die Venedig zum ersten Mal besuchen, empfiehlt es sich, das „Verborgenes Venedig“ in ErgĂ€nzung zu einem konventionellen ReisefĂŒhrer zu nutzen, denn durch die vielen Details kann man schnell den Überblick ĂŒber das Gesamtbild der Stadt verlieren. Der ReisefĂŒhrer ist jedoch unglaublich gut recherchiert und die ideale Lösung fĂŒr Reisende, die mehr sehen wollen, als alle anderen. Auch Leuten, die zum widerholten Mal die Stadt besuchen, werden von diesem ReisefĂŒhrer begeistert sein, denn er gibt immer etwas Neues zum Entdecken. Sogar Leser, die nicht planen, die Stadt zu besuchen, sich aber fĂŒr italienische Geschichte interessieren, werden mit dem Buch ihre Freude haben.

Thomas Jonglez / Paola Zoffoli / Irene Galifi: Verborgenes Venedig.
Jonglez Verlag, 432 Seiten, 19,95 €.


„Zorn der Engel“
von Marah Woolf

Moon's Plan, ihre Geschwister aus Venedig zu schmuggeln, um sie vor den Engeln zu schĂŒtzen, ist fehlgeschlagen. Sie wurde verraten. Statt ihre Geschwister zu beschĂŒtzen ist sie selbst in die HĂ€nde der Engel gefallen, sie selbst ist eine der SchlĂŒsseltrĂ€gerinnen, die die Tore zum Paradies öffnen und die Menschheit vernichten sollen.

Als Moon die Flucht aus dem Kerker des Dogenpalastes gelingt, kann sie ihr GlĂŒck kaum fassen, doch dann gerĂ€t sie ausgerechnet an den gefĂ€hrlichsten aller Engel: Lucifer. In Erwartung einer Bestrafung ist sie umso ĂŒberraschter, als Lucifer sich ihr gegenĂŒber sanft und freundlich verhĂ€lt. Statt sie zurĂŒck in den Kerker zu schicken und dem Schicksal zu ĂŒberlassen, lĂ€sst er sie in seinen Teil des Palastes ziehen, wo sie zwischen seinem Gefolge, den gefallenen Engeln leben soll.

Was wie ein Albtraum klingt, ist in Wirklichkeit Moon's Rettung. Die Engel des fĂŒnften Hofes hassen sie nicht, sie behandeln sie wie Ihresgleichen, allen voran Lilith, Mutter aller DĂ€monen. Sie alle helfen Moon, sich auf die PrĂŒfung zur SchlĂŒsseltrĂ€gerin vorzubereiten. Doch sie ahnen nicht, dass Moon Teil eines grĂ¶ĂŸeren Plans ist. Sie ist keine SchlĂŒsseltrĂ€gerin und soll durch ihre Anwesenheit die Öffnung der Himmelstore verhindern. Doch nur eine echte SchlĂŒsseltrĂ€gerin kann die PrĂŒfung gewinnen ... Wer unwĂŒrdig ist, stirbt meist.

WĂ€hrend ihrer Vorbereitung kann Moon die Ablenkung, die von Lucifer und seinem Gefolge ausgeht wirklich nicht gebrauchen, doch sie machen es ihr nicht leicht. Wem kann sie vertrauen? Immerhin ist es Lucifer, der die Vernichtung der Menschheit hinnimmt, um sich an seinen BrĂŒdern zu rĂ€chen und die Himmelstore zu öffnen.

Mit dem zweiten Band der „Angelussaga“ ĂŒbertrifft die Autorin sich selbst. WĂ€hrend der erste Band aufgrund der Rollenverteilung von Gut und Böse noch gewöhnungsbedĂŒrftig erschien, werden die Charaktere und Motive der einzelnen Figuren nun genauer beleuchtet und lassen den Leser verstehen, wieso die Engel böse sind, die gefallen Engel hingegen gut. Spannung und Aufregung sind auf jeden Fall garantiert. Ein Fantasy-Roman, der unsere Definition von Gut und Böse neu interpretiert.

Marah Woolf: Zorn der Engel.
Piper, 448 Seiten, 12,00 €.

GeÀndert:  08 / 2020